Buch-Rezensionen
zum Themenbereich "Alpen"

 

 

Werner BÄTZING:
Bildatlas Alpen. Eine Kulturlandschaft im Portrait.
Primus Verlag, Darmstadt 2005, 192 Seiten  ISBN 3-89678-527-3
EUR  34.90

Aus dem Unbehagen heraus, bei den bestehenden Alpenbildbänden wären die „abgedruckten Bilder schlecht oder gar nicht inhaltlich kommentiert“, oder sie wären „bloß ästhetisch eindrücklich, ohne einen Inhalt zu vermitteln“ beschreibt der Autor selbst sein Anliegen und seine Absichten für das neue Buch: „Seit langer Zeit verfolge ich daher die Idee, selbst einen Alpenbildband zu entwickeln, bei dem durch die Auswahl und die Abfolge von ästhetisch eindrücklichen, aber inhaltlich zugleich aussagekräftigen Fotos ein Gesamtbild der Alpen entsteht.“
Den „roten“ Faden bildet sein Standardwerk „Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ (zuletzt 2003 bei C.H. Beck), das unbedingt im Kontext mit dem neuen Bildband zu sehen ist, ebenso wie sein „Kleines Alpen-Lexikon. Umwelt-Wirtschaft-Kultur“ (Becksche Reihe).
Alle diese Bücher muß ich in höchsten Tönen loben, preisen und empfehlen! „Der Betrachter soll über die Bilder auf eine vergnügliche Weise viel über die Alpen und ihre aktuellen
  Probleme erfahren“, empfiehlt der Autor. Das ist sowieso gelungen. Das Buch ist in seiner Art einzigartig. Beigefügt ist auch eine neue Einteilung der Alpen aus geografischer Sicht, die sich nur zum Teil mit der ebenfalls neuen Alpeneinteilung deckt, die dem neuen „ALPEN HANDBUCH“ aus dem Verlag Bruckmann (2005) beigegeben ist. Konnte das nicht abgestimmt werden?
Unerläßlich für den aktiven Alpenmenschen, für Forscher, Touristen, Einheimische und Freunde der Alpen! Auch für die „Zerstörer“, die „Zuhälter des ewigen Schnees“ (Chappaz), die Gletschermörder und die härtesten Gesellen des zerstörerischen Massentourismus! Damit sie gleich wissen, welche Schönheiten und Einzigartigkeiten sie kurzsichtig-kurzfristigem Profit opfern.

Ich möchte auch daran erinnern, daß es vom Buch „Alpen“ eine neue italienische Ausgabe gibt:
Le Alpi. Una regione unica als centro dell’Europa“,
redigiert von Fabrizio Bartaletti, 496 Seiten mit 169 farbigen Abbildungen, erschienen im
Verlag Boringhieri in Turin. 70 EURO. Bestellungen möglich an
www.libreriauniversitaria.it/BIT/8833915743


Evelyn HANZIG-BÄTZING / Werner BÄTZING:
Entgrenzte Welten. Die Verdrängung des Menschen.
Rotpunktverlag, Zürich, 2005, 496 Seiten, ISBN 3-85869-295-6, EURO 28.-

Eine Philosophin und Psychoanalytikerin sowie ein Theologe, Kulturgeograf und Humanökologe nähern sich den Grenzen des Menschen, bedingt durch dessen scheinbar ungehemmter Grenzenlosigkeit im Nutzen und Ausbeuten der Natur. Werner BÄTZING, uns allen vertraut als exzellenter Alpenkenner und Alpenforscher, hat jetzt gemeinsam mit seiner Frau ein Buch geschrieben. Daß es im Züricher „rotpunktverlag“ erschienen ist, muß programmatisch gedeutet werden, kommen doch aus diesem Verlag zumindest aus dem Bereich der kritischen Wanderführer die mit weitem Abstand besten Bücher; leider nur selten über die Schweiz hinausgreifend (mit Ausnahmen wie Veltlin und Mont Blanc etc.). Zum Verständnis des neuen BÄTZING-Werkes muß die Alpenkenntnis zugrunde gelegt sein. Die alte Welt ist ihres Zaubers entkleidet. Die Mythen sind (scheinbar) am Verschwinden. Der Mensch tendiert dazu, seine Lebenswelt als kommeziell nutzbare Ressource zu nutzen, ja auszubeuten und damit zu zerstören und gleichzeitig dem Menschen selbst den Boden zu entziehen. Evelyne und Werner analysieren überaus präzise, sachkundig, philosophisch, zugleich beeindruckend und deprimierend. In den Konsequenzen kommt es zum Zusammenbruch auch der (bisherigen) Dienstleistungsgesellschaft. Es kommt unweigerlich zur Auflösung der humanen und ökologischen Bindungen. Gezeichnet und prognostiziert ist ein fast ausschließlich negatives Bild mutwilliger Zerstörung. Visionen der „Nachhaltigkeit“ sind eher Visionen von gestern. Derzeit scheint sich ein schreckliches Finale abzuzeichen. Die Protagonisten sind die Hardliner des überaus harten Massentourismus speziell im Winter, dem brutalen „Erobern“ der letzten weißen Gipfel und der Gletscher. Geradezu lemminghaft scheint der Todesmarsch vorgezeichnet. Abschreckende Beispiele kennen wir aus den härtesten und brutalsten Szenerien der Alpen, aus Sölden im Ötztal oder aus Ischgl im Paznauntal. Letztlich wird sich erweisen, daß der knallhart-brutale (Winter-und Gletscher-)Massentourismus der schlimmste Zerstörer alpiner Kultur, Natur und der Ressourcen sein wird.

Werner BÄTZING skizziert selbst, aus welcher Sicht das neue Buch entstanden ist, „das mit den Alpen gar nichts zu tun hat“. Das kann es nicht sein. Die scharfe Sicht kommt aus der überaus genauen Kenntnis der Alpen und somit ist das neue Buch auch ein ALPENBUCH. Es entwirft „eine Analyse unserer gegenwärtigen Situation“, beschäftigt sich „mit den Grundsatzfragen von Mensch-Umwelt-Gesellschaft“.
Dieses "Mensch-Umwelt-Gesellschafts“- Modell ist aber am Beispiel ALPEN besonders deutlich. Das seit mehr als vier Jahren fast fertig konzipierte Buch kann erst jetzt erfaßt und verstanden werden. Werner Bätzing dazu: „Unsere sehr kritische Weltsicht wäre noch im Januar 2001 ( dem ursprünglich geplanten Erscheinungstermin unserer Buches ) evtl. als ‚zu extrem‘ oder ‚übertrieben‘ wahrgenommen worden, dürfte heute dagegen schon fast als ‚realitätsnah‘ gelten.“ Im Buch gibt es u.a. die exemplarischen Teilbereiche „Die Reduzierung von Natur und die Funktion ‚Ressource‘ und ‚Erlebnis‘, das Verschwinden des Raumes und die Auflösung von Stadt und Land,
  der Verlust des Innenlebens des Menschen zum eigenen Körper“ usw. Immer wieder lassen sich Verhaltensweisen wiedererkennen und neu entdecken, beispielsweise der neuen Aktiv-Alpensportler in neuer Natur- Ferne. Der Mountainbiker ist hier ein Beispiel: Bergwanderer haben Landschaft erlebt, Mountainbiker kontrollieren „zuerst ihr Fahrrad, nehmen Kleinreparaturen vor und konzentrieren sich dann aktiv auf ihre körperliche Regeneration, wobei sie nur kurze Blicke in die Landschaft werfen“ (S 188). Mehr noch erleben wir konkret von fanatisch verbissenen naturfernen „Schluchtlern“, Eiskletterern etc. Es gibt mitunter merkwürdige Bündnisse der sogenannten Umweltschützer, wenn sich beispielsweise das Ötztaler Aktionsbündnis gegen Wasserkraft-Großbauwerke ausgerechnet mit den Kanuten verbündet, die sich rücksichtlos die letzten naturnahen Flußlandschaften „erobert“ haben (und damit die dort lebenden Naturkostbarkeiten zerstören). Wenn es dann bei Touristikern, aber auch bei Alpenvereinen und einigen Natur“schützern“ heißt, die „modischen Natursportarten ermöglichten eine Sensibilisierung für Umweltfragen“ so halten die BÄTZINGS dagegen: „Wir sind da sehr skeptisch und befürchten eher das Gegenteil“.
Das BÄTZING-Buch ist somit und gerade deswegen ein Lehrbuch für die Funktionäre alpiner Vereine und die weitaus meisten Repräsentanten und Akteure des (zu eng verstandenen und praktizierten) Naturschutzes.


Zwei weitere Bücher habe ich vom "rotpunktverlag" zur Rezension zugesandt bekommen:

Elisabeth FLÜELER:
Wandern rund um den Montblanc. Frankreich, Schweiz, Italien.
Zürich, 2005, 280 Seiten, ISBN 3-85869-297-2   und

Claude REICHLER:
Entdeckung einer Landschaft. Reisende, Schriftsteller, Künstler und ihre Alpen
Zürich, 2005 (deutschsprachige Ausgabe), 340 Seiten, ISBN 3-85869-306-5

Beide Bücher kann ich wärmstens und mit Freude empfehlen.

Überall aus den Alpen und aus allen Tourismusregionen der Welt kennen wir inzwischen die vielen vielen Wanderbücher, Ratgeber, Reisebegleiter usw. Das Wandern rund um den Montblanc ist für mich deswegen so spannend geworden, weil ich dort gar nicht wandere oder bergsteige, sondern weil ich mich wie überall in den Alpen für die „andere“ Seite des Wander-Tourismus interessiere: für (Volks-,Basis und Widerstands-)Kultur, Bürgerinitiativen, lebendige Dokumente der Lebens- und Überlebens-Strategien. Die vielen teilweise sehr beschwerlichen, teilweise sehr hochalpinen Routen lassen sich prima nachvollziehen; durch die „drei Länder rund um den weißen Berg“. Meinem Geschmack und Bedürfnis entsprechend fand ich unter anderem die Spezialkapitel „Seilbahnwege oder wenn Bahnen die Wege kreuzen“ (S 120 ff), „Der Montblanc als Kulturerbe“ (S 124 ff), „Zu Natur und Umwelt Sorge tragen“ (S 134 ff) und „Von jungen Bräuchen und ihren Ursprüngen“ (S 164 ff). Da erfahren wir: „Chamonix hat auf die Entwicklung im Tal längst keinen Einfluss mehr“ (S 122), weil der Ort total von außen, beispielsweise der mächtigsten Investorengruppe rund um die „Compagnie du Montblanc“, einer Untergruppe der fast allmächtigen „Compagnie des Alpes“ abhängig ist, sozusagen an deren Seilen hängt. Und daß „Mountain Wilderness“ mehrmals Zeichen des Widerstandes gegen Totalzerstörung gesetzt hat (S 135 u.a.) und daß es ansatzweise eine Renaissance der alten Sprachen und Dialekte gibt. „Der Fontina in Italien, der Reblochon, die Tomme de Savoie in Frankreich und das Raclette im Wallis gehören zur kulturellen Identität wie andernorts Reis, Mais oder Bohnen. Käse ist viel mehr als nur Nahrungsmittel. Er ist Lebensstil, bedeutet Zugehörigkeit...“ (S 165)
Ich freue mich auf das weitere Erforschen dieser Region und werde die Stätten der Wiedergewinnung regionaler Identität und Kraft sobald als möglich aufsuchen – auch für mein in Arbeit befindliches Buchprojekt „KULT – und KULTURSTATIONEN IN DEN ALPEN“.


Die Entdeckung einer Landschaft, vor allem aus der Sicht von Schriftstellern und Künstlern, gehört sowieso zu den spannendsten und kreativsten Wiederbegegnungen.

Auch wenn der Buchtitel den Anspruch „Alpen“ nur im Bereich der Westalpen erfüllt, bleiben doch dortige Natur- Erfahrungen durchaus übertragbar. Die schon im 18. Jahrhundert hochgejubelte und hochstilisierte „Ideal- Landschaft“ trifft auch ostalpin zu, beispielsweise im Salzkammergut. So muß auch verstanden werden, daß der Hauptteil der Westalpen  100 Jahre vor den Ostalpen „entdeckt“ wurde. Es gab in der Schweiz und nirgendwo sonst solche Vordenker und Voraus- Dichter wie beispielsweise den Albrecht von HALLER mit seinem „Lehrgedicht“, das er zuerst 1729 unter dem Titel „DIE ALPEN“ veröffentlichen ließ. Es wurde dann immer wieder nachgedruckt, so auch  1789 neben anderen Texten Hallers in Wien. Ich besitze eine Ausgabe davon im Archiv der PRO VITA ALPINA. Hier sind zum ersten Mal die Alpen nicht als schreckliche und gefährliche Monster gesehen, sondern mitsamt den dort lebende Menschen in „harmonischer“ Schönheit und Vielfalt. Die „absolute Landschaft“ wurde das „Paradigma der Antimoderne“. Die einzelnen Kapitel handeln „vom Zauber eines Bildes“, vom „Maler in seiner Landschaft“, von den „Freuden der Entdeckung“, von der Landschaft und dem „Innenleben“, von der „absoluten Landschaft“, aber auch von „politischen Formen und Vergemeinschaftung“, von den „Empfindungen zu den Gefühlen“, über die „Symbole des Nationalen in der Sackgasse“.
Ein kleines Unterkapitel gilt der
„Zerstörung des Mythos“. Die behandelten Reisenden, Schriftsteller und Künstler waren durchwegs alle im 18. Jahrhundert vornehmlich in der Schweiz unterwegs.

Dieses Buch kann durchaus verglichen werden mit dem im Jahre 2000 im gleichen Verlag erschienenen Buch „Das Klappern der Zoccoli – Literarische Wanderungen im Tessin“, herausgegeben von Beat Hächler (526 Seiten ) oder dem von Kurt Wanner zusammengestellten und 1993 im Verlag Bündner Monatsblatt erschienenen Buch „Der Himmel schon südlich, die Luft aber frisch. Schriftsteller, Maler, Musiker und ihre Zeit in Graubünden 1800 – 1950“ ( 541 Seiten).
Nur in bescheidenen und wesentlich kleineren Dokumentationen wurde zum Beispiel in Österreich nur das Salzkammergut nach seinen dichterischen und künstlerischen „Gästen“ durchsucht.

Ich selbst habe diesen Versuch für das Gebiet der Ötztaler Alpen gewagt. Das Ergebnis ist das „Lesebuch Ötztaler Alpen. Reiseberichte, Poesie, Lieder & Oper“ etc. bei loewenzahn in Innsbruck, 2002 / zugleich Band 12 der Schriftenreihe ÖTZTAL-ARCHIV


Eine alpine Köstlichkeit habe ich kürzlich bei einer der Schweiz-Fahrten in einer kleinen Buchhandlung in Scuol entdeckt, die

Beschreibung der Alpen, vorzüglich der höchsten.
von Placidus SPESCHA (1752 – 1833).

Es wurde im Jahre 1823 von SPESCHA verfaßt, der sich für die damalige Zeit weit hinauf in unerschlossene Berge wagte und mit seinen fortschrittlichen Gedanken weit voraus geschritten ist. Jetzt hat Ursula Scholian Izeti die bisher unerschlossenen Texte erfaßt, bearbeitet und bei CHRONOS in Zürich im Jahre 2002 herausbringen lassen. Ihr sei Dank gesagt und noch mehr dem Hochwürdigen Herrn Pater Placidus SPESCHA. Es geht um das „Wesen der Alpen“, die „Gestalt der Alpen“, die „Eintheilung der Alpen“, die „Winde der Alpen“, den „Schnee der Alpen“, die „Seltenheit der Alpinee“ (so nannte er die Alpenbewohner). Und er gab eine erste Beschreibung der „höchsten Alpen“, machte sich Gedanken über die „Erhabenheit der höchsten Berge“, benannte die „Hauptflüsse der höchsten Alpen und fand Erstaunliches über die nach seiner Meinung höchsten Berge der Alpen (S 113). Wir folgen ihm:
    „nach den bisherigen Bergmessungen ist unstreitig der Montblanc der höchste Berg in den Alpen; nach ihm der Rosa mit dem Einbegriff seiner 3 höchsten Spitzen oder der Orteler, und den 3ten Raum gebe ich dem Finsteraahorn zu. Den Urlspitz vergleich ich mit dem Montrosa und den Rusein und Rhäticon.“
Wir müssen wissen, daß zur Zeit von Spescha nur wenige der bekannten Alpengipfel vermessen worden waren. Es war eine Spescha-Pionierleistung in vielfacher Weise. Völlig unbekannt war bisher der Bergname „URL“. Spescha hat ihn in seinem Buch mehrmals genannt und hat mitunter „Wildspitz“ daneben gesetzt. Es handelt sich also um die 3769 bzw. 3774 hohe Wildspitze in den Ötztaler Alpen.
Ein köstlich-kostbares Buch über die Alpen!


Ein weiteres Buch will ich nennen, das im Jahre 2005 erschienen ist:

Mythos Berg. Götter, Gipfel und Geschichten
im BLV-Verlag in München, 192 Seiten, verfaßt von Veronika Straaß und Klaus-Peter Lieckfeld.

Es ist ein stattlich-repräsentativer Bildband aus der offensichtlich erfolgreichen "Mythos-Serie" des Verlages (nach „Mythos Baum“, „Mythos Meer“).
Dem Alpenkenner wird es viel Freude bereiten, auch wenn die wichtigsten Phänomene des MYTHOS nur gestreift werden, nur an der Oberfläche bleiben. Ich könnte mir vorstellen, daß mein Buch „MYTHOS GLETSCHER“ (2004 bei loewenzahn im Studienverlag in Innsbruck erschienen) gemeinsam mit dem schon 2000 bei Hollinek in Purkersdorf erschienenen Werk von Karl Gratzl „MYTHOS BERG“ („Lexikon der bedeutenden Berge aus Mythologie, Kulturgeschichte und Religion“) in eine spezielle Alpen- und Berg-Reihe gesetzt werden können und sich gegenseitig ergänzen. Allemal eine interessante Lektüre.


 

Bellasi, Andreas (Hrsg.)
Höhen, Tiefen, Zauberberge
Literarische Wanderungen in Graubünden.

Mit Fotos von Erich Gruber.
Rotpunktverlag, Zürich, 2004; 416 Seiten, Fr. 42.- / Euro 24.- / ISBN 3-85869-277-7

Eine „literarische Spurenlese“ der besonderen Art, teilweise zu Schauplätzen der Weltliteratur, eine erfolgreiche und ergiebige Spurensuche nach deutschsprachiger, rätoromanischer, italienischer und englischer Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, eine Wegbegleitung zu 30 spannenden Wanderungen, überwiegend abseits der abgetretenen Pfade zumeist dürftig-oberflächlicher Tourismusprospektliteratur.
Dazu mit schweizerischer Gründlichkeit und Präzision vor allem beim Beschreiben der Routen, der Auswahl der Wanderkarten, der Hinweise auf Einkehr-und Nächtigungsmöglichkeiten. Mit einer Super-Literaturliste, aufgeschlüsselt nach Literatur auf „Italiano“, „Rumantsch“, „Walserdeutsch“ und deutsch, mit Hinweisen auf
  „Standardwerke und Sachbücher zur Kultur- und Literaturgeschichte“, mit einem Verzeichnis der wichtigsten altuellen Bücher im Bereich der „Architektur-, Kultur-, Kunst- und Wanderführer".

Dieses Buch steht in der begonnenen und überaus lesenswerten Serie der LITERARISCHEN Wanderungen. Bisher ist u.a. erschienen:
>   Das Klappern der Zoccoli. Literarische Wanderungen im Tessin,
herausgegeben von Beat Hächler, mit 530 Seiten und mit literarischen Zeugnissen unter anderem von Hesse, Frisch, Spitteler u.a.
  (4. aktualisierte Ausgabe 2004).

Neu ab 2006:
>   
Dies Land ist maßlos und ist sanft. Literarische Wanderungen im Wallis
herausgegeben vom Michael T.Ganz und Dominique Strebel, ist 2006 erschienen und wird unten besprochen.

Vorweg wiederhole ich, was die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geurteilt hat:
„Der Rotpunktverlag produziert seit Jahren die überzeugendsten Wanderbücher im deutschen Sprachraum."
Weil das voll zutrifft, empfehle ich die gesamte Serie. Näheres dazu unter e-mail: info@rotpunktverlag.ch bzw. unter
www.rotpunktverlag.ch und
www.wanderweb.ch.

Auf den Spuren von regionaler und überregionaler sowie internationaler Literatur wandern wir in fast alle Regionen und Täler von Graubünden, vom Sommer zum Winter, von den ersten Pionieren des Alpinismus und der Alpenentdeckung bis zu Widerständigkeiten gegen geplante Stauseen und Zerstörungen.
Wir wandern unter anderem mit Friedrich Nietzsche, Thomas Bernhard, Jakob Christoph Heer, John Knittel und Conrad Ferdinand Meyer. „Auf der Via Spluga“ begleitet uns Wolfgang Hildesheimer und bei seinen geliebten Schafen finden wir den surselvisch schreibenden Leo Tuor. Es ist höchst vergnüglich, wie wir auf den Spuren von Thomas Bernhard die „Voralpenhölle“ finden, diesen "voralpinen Stumpfsinn“ der widerlich- „stupiden Alpenbewohner“. Gift und Galle versprüht in seinem Leidenszwang im Kurexil der Schriftsteller Hamo Hans Morgenthaler mit seinem „Todesjodel am Arschloch der Welt“ sowie am „Arschloch der Idiotie“. Schreibende Gäste saßen in den Kuranstalten, litten und stritten, machten Poesie und hinterließen Weltliteratur. Arosa und Davos können davon literarische Lieder singen, nicht nur mit Thomas Mann und dem (englischen) Sherlok-Homes-Erfinder und Großwildjäger Arthur Conan Doyle. Es sind teilweise ihre „Wanderungen gegen Höllenqualen“ und es sind immer wieder Dokumente des schweizerischen Widerstandes gegen die völlige und totale Vermarktung der Bergwässer für Stromgewinnung und gegen die Bergausbeutung. Englische Pioniere und mutige Frauen eroberten die Alpen, brachten den ersten Winter-Tourismus und ließen die Schweiz berühmt werden. Es sind Rückblicke und einige Visionen in die Zukunft, mitunter zu aktuellen Gegenwartsproblemen
 eines allzu raffgierigen Tourismus.
Mit der „Idylle der Gefahr“ erleben wir auch die geheimnisvollen Orte der Kraft und der Kulte, beispielsweise auch die „mumma veglia“ im Val Müstair. Mit dieser einzigartigen Spurensuche werden aufmerksame Alpenwanderer feinfühlig und sensibel. Dramatisch ist die Vision einer alpinen Hochgebirgslandschaft mit geschmolzenen Gletschern, dem gestorbenen Morteratsch und den gigantischen Lawinenschutzbauten, wenn beispielsweise der Schafberg über und über gespickt ist wie ein Igelrücken. Vor den Nazis flüchtete Ulrich Becker und
  war einer der ca 160 flüchtenden Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die in der Schweiz zumindest vorübergehend in Sicherheit bleiben konnten, weil der Schweizer Schrifstellerverein den Emigranten half. Elizabeth Main als „Pionierin in Eis und Schnee“ brachte den Wintertourismus knapp nach 1900 in die Schweiz. Leni Riefenstahl hat 1929 die berühmt gewordenen Szenen für „die weiße Hölle vom Piz Palü“ gedreht.
Es sind Wanderungen und Pilgerfahrten von den Gletscherbergen bis in die südlich wirkenden Gefilde des Tessin, es sind spannende Wanderungen durch die wilde Via Mala und zur herrlichen Therme von Vals, (dem „schönsten Bad der Welt“, einem Bau des weltweit bekannten Architekten Peter Zumthor) bis zu den kostbaren Bio-Weinbauern von Malans und Ilanz. Ein besonderes Buch vom Wandern, Schauen, Klettern, Staunen, Lesen, Erforschen und Verkosten. Bis zu den Höhen, über die Pässe und zu den Zauberbergen.

Jeder der 30 Wanderwege mitsamt den Reflexionen über die literarischen Zeugnisse stammt von einer Autorin, einem Autor aus der Schweiz. Es sind dies unter anderem Daniel Anker, Ursula Bauer, Kaspar Schuler und Kurt Wanner.


Michael T.Ganz/Dominique Strebel (Hrsg.):
Dies Land ist maßlos und ist sanft.
Literarische Wanderungen im Wallis
Rotpunktverlag, Zürich, 2006

Mit s/w. Fotos von Thomas Andenmatten, 400 Seiten, Fr. 42.- /Euro 26.-
ISBN 10:3-85869-316-2 und 13:978-3-85869-316-7

23 Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, darunter Daniel Anker, Usula Bauer, Jürg Frischknecht genauso wie Andreas Weissen und Urs Widmer begleiten uns auf den „LiteraTouren“ durch fast alle Täler und Regionen des Wallis und finden die Welt- Literaturspuren hinter Rainer Maria Rilke, Corinna Bille, Charles Ferdinand  Ramuz und Maurice Chappaz, aber auch von Johann Wolfgang von Goethe, Max Frisch, Marc Twain und Carl Zuckmayer. Das ist mitunter und fast überwiegend höchst vergnüglich. Es ist vor allem literarisch und entspricht damit keineswegs den Klischees der üblichen Tourismus-Werbung. Auf den Kulturreisen und Kulturwanderungen vom Albulapaß bis Zermatt, vom Aletsch ins Lötschental, über die Furka ins Goms, aus dem Val d’Herens über den Großen St.Bernhard und den Simplon erleben wir einen kaum bekannten Teil europäischer Kultur- und Literaturgeschichte. Das ist spannend und lehrreich. Das ist überraschend und gewaltig angesichts der großen Gletscherberge und der sagenhaften Schauplätze ältester alpiner Kulte.
(Fallweise angebrachte) Kritik an Extremformen des Tourismus wird nicht ausgespart, wie beispielsweise in der LiteraTour Nr. 17 von Zermatt auf den Gornergrat.
„Der Ortsteil liefert mit dem Zubetonieren der letzten Vorgärten ein nicht zu übertreffendes Beispiel verdichteten Bauens. Der Wanderer tut deshalb gut daran, in Zermatt den roten Winkelmatten-Bus zu nehmen, die Augen zu schließen und sie erst an der Endstation wieder zu öffnen“ (S 248). Die diensthabenden Kellner und Geschäftsführer wissen zumeist (so wie anderswo ) am allerwenigsten von den Stationen der Kultur und vom Gourmet und den Feinheiten zu berichten. Noch desinteressierter und verbohrter scheinen die maßgeblichen Touristiker zu sein, die Promotoren der Zerstörung und wie es der französisch schreibende Autor Maurice Chappaz überaus treffend und pointiert formulierte, die „Zuhälter des ewigen Schnees“.
Wir finden diesen Autor an maßgeblicher Stelle des Buches, gleich am Anfang, „leichtfüßig auf schwermütigen Wegen“. Ich besuche diesen inzwischen 90 Jahre alt gewordenen Autor bei allen Fahrten und Erkundungen in die Schweiz und dann legt er mir die neuesten seiner Publikationen vor, zumeist auf französisch, immer mit freundlicher Widmung versehen. Chappaz ist der kritischeste und der zugleich poetischeste Autor des gesamten Alpenraumes in der Auseinandersetzung mit hartem Tourismu und mit Ausverkauf.

Höchst empfehlenswert (als weiterführende Anregung zu diesem Buch) ist zudem der kundige Alpenkulturkenner und Walliser Sagenerzähler Andreas Weissen in Brig.
Wir erfahren von der Gletscher-Leiche (vergleichbar dem Ötzi?) und von schrecklichen Naturkatastrophen, von der Teufelsaustreibung am Diablerets, von der Taufe toter Kinder, von Schalensteinen und einer untergegangenen Stadt unter dem Gletscher. Wir folgen dem geheimnisvollen Totenzug über die Gletscher und erfahren von schlimmen, von verheerenden Lawinenkatastrophen, aber auch von feinen Gourmet-Stationen, von der Musik des Wallis und den großen Berggeschichten seit den ersten Stunden des Alpinismus.

Wie in allen Büchern der Serie „Literarische Wanderungen“ ist auch diesem Buch zum „Weiterlesen“ eine umfangreiche Liste an weiterführender Literatur beigegeben, von Anthologien und Übersichten zur Walliser Literatur und weiteren Werken „zu den durchwanderten Regionen“, aufgeteilt nach „Wallis allgemein“, „Rhonetal allgemein“, „Oberwallis“ und „Unterwallis“, mitsamt den ergänzenden Hinweisen auf Ausflugs- und Wanderführer, mit Hinweisen auf Buchhandlungen und auf Bibliotheken im Wallis.


Neues Handbuch Alp
Handfestes für Alpleute. Erstaunliches für Zaungäste.
ISBN 3-033-00443-1

Der zalpverlag  in der Vorderdorfstraße 4 in CH 8753 Mollis
Tel. +41- 55 622 39 22
mailbox@zalpverlag.ch  und www.zalpverlag.ch

hat mir vor einiger Zeit das neue HANDBUCH zur Besprechung zugesandt. Das neue Buch ist die „vollständig durchgesehene, aktualisierte und ergänzte Fassung des legendären Handbuch Alp von 1998“, versehen „mit 36 neuen Texten, mehr Bildern und Illustrationen.“
Auf 511 Seiten wird aufgelistet und ausgebreitet, was auf heimischen Schweizer Alpen (den „Almen“ Österreichs) wissenswert ist für Praxis und Neues Älplertum. Die „Köpfe der Mitmachenden“ sind zugleich die Köpfe der Aktivisten und Idealisten, vor allem der Praktiker und Kenner des „Alpwesens“.
41 haben geschrieben, 13 haben Bilder beigestellt und weitere fünf haben illustriert und gestaltet.

Die erste Auflage erschien im Jahre 2005. Weitere Auflagen sind höchst wünschenswert und notwendig. Praxisbezogen wendet sich ein wichtiger Teil des Buches auf das richtige Vorbereiten mit präzisen Checklisten für das Alpteam, für die Kuhalp, für die Alpmeisterin. Erweitert wird durch Fachbeiträge über „Leib, Leben und Futter des Rindviehs“, über „Ziegenschaf, Borstenhuhn und Murmelschrecke“, mit Wissenswertem „Alles aus dem Eimer“, mit den gesetzten „Grenzen der Freiheit“. In einem weiteren Teil finden wir  „Donnergrollen, Feuertopf und Krachsalat“.
Die im engeren Sinn praxisbezogenen Beiträge erhalten im letzten größeren Block eine grenzüberschreitende Dimension, weit gestreckt und gejodelt über die Berge hinweg und hinein in die tiefsten Schlünde und Geheimnisse. Im kleinen Kapitel „Alpen, Musik, Instrumente“ (S 396-399) erfahren wir etwas vom Blasebalg und den Stimmzungen, von der Lunge und dem Holzrohr, vom berühmten Alphorn-Fa, vom Atem und den Stimmbändern sowie von Saiten, Bogen und Ruten. Da ertönt der Jodel und da erklingt das Alphorn.

Im weiteren Kapitel „Die Vertreibung der Stille“ hören wir den einzigartigen Schweizer „Betruf“ bzw.den „Alpsegen“, dieses gewaltige Zeugnis der Kraft des beschwörenden Gesanges, des symbolischen Kreisziehens um die Alp. Und da fand ich den vom Obwaldner Schriftsteller Julian Dillier aus Kerns im Jahr 1976 verfassten „Betruf“ auf Alp Glaubenbielen als Abwehr gegen die drohende Atommüll-Lagerung auf dieser Alp. „Ave Ave Nagria!“  Und: „Hiä und um disi Alp um gaad e goldiga Thron us luiter unbruichbarem Atom“. Julian Dilliers Söhne Urs und Thomas fand ich dann als für die Lithografrie dieses Buches zuständige Experten. Noch immer habe ich den Klang dieses Betrufes im Ohr und die Stimme des alten Hirten auf der Alp Scharti oberhalb von Kerns, vor einigen Jahren dank der Vermittlung durch den damaligen Pfarrer von Kerns, den Sagensammler und Mundartdichter Karl Imfeld.

Im Kapitel über „Toggel, Tuntschi, Wandler“ (S 408-413) werden die allergeheimsten und auch  die schrecklichsten Geschehnisse der Älpler zumindest angedeutet, solche Geschehnisse vom Sennentuntschi, von der Häutung des ruchlosen Sennen, vom Strafgericht, von den Folgen des Frevels gegen die Natur. Das uralte magische Erleben ist weitgehend christlich überlagert und umgedeutet. Trotzdem und justament sind die alten Elemente einer Jahrtausende alten Kultur und vor allem der Kulte erkennbar, ganz dünn unter der Oberfläche oder auch tief versteckt und geheimnisvoll.

Ergänzt mit „Adressen und Resourcen“, sowie einem „Glossar“ und einem „Register“ erwartet die hoffnungsvollen Älpler das NEUE Alp-Leben im neuen Handbuch. Der Schweizer Kulturforscher Al Imfeld kürte es „nicht nur zum Kultbuch der ÄlplerInnen, sondern zum ersten Band des Brauchtums der Schweiz". Und gemäß der Eigenwerbung ist es ein Buch, „oft mit einem Augenzwinkern, immer aus der eigenen Erfahrung heraus, griffig, kompetent, überraschend. Ein Buch, das quietscht wie ein Mund voll trockener Käsekörner und dampft wie ein Kuhfladen in der Morgenfrische, ein Buch für 100 Tage Alp oder eine durchwachte Nacht“.

nach oben

Die Rezensionen als PDF (454 KB)


alle Rezensionen: Dr. Hans Haid