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Texte von und über Hans Haid


Erst geht die Kuh, dann die Kultur
Über die Rückgewinnung regionaler Identitäten in den Alpen

Hans Haid, 2001

Im Rückgewinnen lokaler Ressourcen von Kultur, Identität und Überleben kann die Kuh entscheidend sein. Oder das Schaf. Mitunter der (zahlende) Gast. Es kann auch die FERBA sein. Die FERBA ist die „Europäische Föderation der Rinderrassen des alpinen Systems - Federazione Europea delle Razze Bovine del Sistema Alpino“. Deren Präsident lebt in dem kleinen Bergdorf Favret (Gressan / Aosta), ihr Vizepräsident, der prominente Hotelier Erich Scheiber, im Tiroler Massentourismuszentrum Obergurgl, das etwa 400 Einwohner, 4000 Betten und 18 Vier-Sterne-Hotels hat.

FERBA will über alte, zumeist gefährdete Rinderrassen intakte Umwelt erhalten und so einen Beitrag zur alpinen Kultur und zur Erzeugung typischer Produkte leisten. Den unverwechselbaren Abondance-Käse zum Beispiel kann und darf es nur von der Abondance-Kuh geben. Die berühmten Kuhkämpfe in Aosta, im Wallis und in Hochsavoyen sind nur mit den Herens-Kühen, den „Eringern“ möglich. Und die kleinen „Grauen“ in Tirol, im Trentino und in Graubünden dürfen als alpine „Ur-Rasse“ auch nicht verloren gehen.

Bergkultur ist Agrikultur

Bergkultur ist ohne Agrikultur nicht denkbar. Also kann es eine wirkliche Kultur der Alpen nur geben, wenn die Kühe und die Schafe dabei sind. Mit der noch immer lebendigen Transhumanz beispielsweise, den seit 6000 Jahren nachweisbaren Schafwanderungen, die über die Gletscher der Ötztaler Alpen führen. Oder mit den Volksfesten beim Kuhkampf, mit dem Schaf-Fest in Vernagt mitten im Tourismus und dennoch nicht vereinnahmt, immer noch eigenständig als unverwechselbares Element lokaler Kultur.

Älpler, vor allem aber engagierte Bäuerinnen sind die Protagonisten des Widerstandes gegen Ausverkauf und Zerstörung, so im Osttiroler Dorfertal, im Fall Greina, auf der Alpe Madris, am Gotthardpass oder neuerdings in Chamonix, wo man sich gegen die Inbetriebnahme des Katastrophentunnels auflehnt. Ganz maßgeblich sind Bäuerinnen beim Aufbau der neuen alpinen Agrikultur beteiligt, also in der Reaktivierung ökologischen Denkens und Handelns, und konkret beim Aufbau der Bio-Landwirtschaft und neuer Formen der Direktvermarktung.

Diese Agrikultur ist fundamental wirkliche Kultur, unterscheidbar, unverwechselbar, lokal geprägt, voller Wärme (mit und ohne Schaf), solidarisch, mutig, engagiert, neu. Fast überall in den Alpen und anderswo sind diese neuen Agrikultur-Aktivisten auch in der lokalen Kultur und im politischen Bereich engagiert. Rundum sind es höchst erfreuliche Anzeichen einer emanzipierten Berg- und Alpenkultur, abseits von dümmlicher Folklore, von touristischer Vereinnahmung, von billig-biederem Kitsch und Klischee.

Umso mehr vereinnahmt, massakriert und vergewaltigt der alpine Abschreckungs- und Horror-Tourismus weite Teile der lokalen wie regionalen Kultur rund um die Almhütten: Wagenräder, jodelnde Trachtler, deformierte Schuhplattler, pervertierte Heimatabend-"Romantik". Noch schlimmer und deprimierender im Tourismus, inklusive dem „gehobenen Qualitätstourismus“, ist aber die (beinahe) totale Ablehnung von Umweltschutz und Bioprodukten. Warum findet in der schrecklichen Horde kulturloser Gästemelker nicht endlich die neue ökologische Agrikultur Eingang? Oder müssen erst supertouristische BSE-Skandale die wackeligen Kartenhäuser zum Einsturz bringen? Wehe denen in den kitschigen Hochburgen der alpinen Zuhälterei!

Doch auch hier ist ein wenig Hoffnung angebracht: Wenn Hoteliers wie der erwähnte Erich Scheiber sich zugleich als Bauern und Kämpfer für die Erhaltung gefährdeter Tierrassen engagieren. Wenn Hoteliers wie die Familie Schweitzer im tirolischen Barwies auf ein konsequentes Bio-Hotel-Konzept setzen. Wenn im wunderschönen Logar-Tal in den slowenischen Bergen die Hotel-Besitzer ein mustergültiges Naturschutz-, Tourismus- und Kulturgebiet entwickeln. Und nicht zu vergessen wegen der Öko-Hotels wie Hitsch-Huus in Fanas oder Ucliva in Waltensburg/Vuorz.

Ansonsten aber gilt: Erst geht die Kuh, dann der Gast. Erst wird EU-konform der alpine Kleinbauer mit unter zwei Hektar Land ausgerottet, indem ihm wichtige Förderungen entzogen werden, dann darf er im Alpenpark folkloristisch, jodelnd und melkend im Tourismus dienen, bis der Gast verschwindet. Mangels Wärme? Oder vergiftet? Einschlägige EU-Förderprogramme über „lnterreg“ oder „Leader+“ greifen jedenfalls nicht oder kaum, weil sie lediglich musealisierend und konservierend wirken und um Gottes Willen ja keine progressive, radikale Weiterentwicklung des historisch-kulturellen Erbes bewirken sollen.

Folklore aus dem Alpenpark

Was dagegensetzen? Jämmerliches haben sich seit mehr als zehn Jahren die hohen Beamten und maßgeblichen Politiker in der Alpenkonvention geleistet. Seit 1989 sollte es als erstes und fundamentales Protokoll das zur Kultur geben. Nichts ist geschehen. Erst im Jahr 2000 tauchte das Thema wieder auf, als in Benediktbeuern dazu ein von österreichischen Kulturwissenschaftlern erarbeiteter Entwurf vorgestellt wurde. Im Juni 2000 veröffentlichte dann die CIPRA ihre „Forderung nach einem Protokoll Bevölkerung und Kultur“ der Alpenkonvention. Und schließlich trug die slowenische Stadt Maribor als „Alpenstadt des Jahres 2000“ im November mit einem „Dokument von Maribor“ zum Diskurs bei, den die „Alpenstadt 2001“ Bad Reichenhall im Mai 2001 fortgesetzt hat.

Schier unglaublich dagegen die Verzögerungstaktik der zuständigen Umweltminister und der Herren des „Ständigen Ausschusses“: Jüngst erst, bei der 6. Alpenkonferenz in Luzern, soll vereinbart worden sein, eine Arbeitsgruppe einsetzen zu wollen, die dann bei der nächsten Konferenz, voraussichtlich also im Jahre 2002, einen Zwischenbericht vorlegen solle, vielleicht mit den Namen der zuständigen Beamten und Ministerialräte, die mit der Nominierung einer Arbeitsgruppe zur Gründung einer Arbeitsgruppe zum Verfassen von Richtlinien für eine weitere Arbeitsgruppe betraut werden könnten. Nur ja nicht unter Einbeziehung von Kultur-Aktivisten und Kultur-Praktikern?! Die kulturelle Düsternis wird fortdauern, so ist zu befürchten.

Pro vita alpina

Aber anderswo lebt und blüht ein reiches, ein sehr vielfältiges kulturelles Leben:

  • Die CD-Reihe „Musica alpina“ beweist, wie vielfältig, wie differenziert und wie lebendig Volksmusik im Alpenraum sein kann.
  • Nirgendwo sonst in Europa entstehen und wachsen so viele Gruppen und Ideen, um regionale Dialekte und vor allem Minderheitensprachen zu beleben.
  • Weite Teile des Alpenraumes verfügen über die größte Dichte und Intensität an Bio-Landwirtschaft innerhalb ganz Europas.
  • Nur in den Alpentälern finden sich solche Schätze des Mythos, der „religio“, der Sagen, Rituale und Bräuche.

Im Zusammenhang mit der Gründung des Netzwerks Alpine Kulturen über die alpenweite Vereinigung Pro vita alpina aufgebaut - wurde allen Beteiligten die überaus reiche und vor allem starke, autochthone und authentische Vielfalt der Alpen bewusst - auch als Gegentrend zur so genannten Globalisierung und zu den älplerisch-touristischen Wahnsinnigkeiten und Brutalitäten. Deshalb muss alpine Kultur selbstverständlich auch Volkskultur, Alltagskultur, Massenkultur, Baukultur, Agrikultur (Bio & Öko), Umweltkultur, Tourismuskultur und Friedenskultur sein. Und es geht darum, dass eine so verstandene Kultur als gesellschaftliche Triebkraft, als Faktor von Schöpfertum, Vitalität und Dialog auch in die einschlägigen EU-Entwicklungsprogramme einfließt.

Es ist nicht zu bestreiten, dass der Umgang mit „Heimat“ und „Volkskultur“ gefährlich, sehr schlüpfrig, sehr reaktionär und revanchistisch sein kann. Dem soll aber bewusst gegengesteuert werden. Volkskultur in diesem Sinn ist „Material für Unterscheidbarkeit und damit für Identitäten“, wie es der Wiener Volkskundler Konrad Köstlin formuliert. Sie wird zum schier unerschöpflichen Reservoir, um daraus Kraft zu tanken. Sie stellt sich als sehr moderne, als aktuelle Kultur dar, weil sie fundamental und „radikal“ (von den Wurzeln her) ist. Erst auf diese Weise wird sie zu einem Instrument gegen Rassismus, Nationalismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit.

Quelle: Natur + Umwelt, Magazin des Bund Naturschutz. Sonderheft 2001 „Die Alpen - Bergwelt mit verbauter Zukunft“.