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Texte von und über Hans Haid


skizzen & jubiläumstexte und alles gerlinden gewidmet


mit ihrer schönen stimme jammernd klagte sie. belet-ili die göttermutter aruru. die göttin schrie auf wie eine in den wehen liegende frau. selbst die götter bekamen angst vor der sintflut. dann weinten sie. archaisches singen als abwehr. auch schon im gilgamesch-epos vor 5.000 jahren und alles weiter wie seit jahrtausenden; immer wieder die neujahrssänger, die sternsinger in heiligenblut, im villgratental, in planeil, im ultental, alle diese singenden und musizierenden kostbarkeiten auch im val resia, im val mocheni, bei ihren ausseerInnen.

das lokale und alpine ist eingebettet in altes wissen, in alte rituale und immer wieder in die macht des gesanges, der musik, der religio und der kulte. im gilgamesch-epos wie in der apokalypse, wie in der göttlichen komödie, wie in der bibel und bei allen völkern der erde in ihren sagen, legenden, klagen, triumpfgesängen.

die macht des gesanges und der musik:
das singeisen der pferde löst mit hohem klang die lawine aus.
der schrei bricht den käse beim „labgesang“ der schweizer käser.
der schall der peitsche übertrifft an geschwindigkeit alles vorstellbare und dringt in fremde sphären ein, bricht und erlöst
die kirchenglocken sollen es bewirken: „anna katharina heiß’ ich / im längenfelder kirchturm bleib’ ich / alle wetter vertreib’ ich“

der im august 2010 an krebs verstorbene „grüne“ paradebauer sepp daxberger, knapp vierzigjährig, hat noch brauchgemäß rund um seinen hof in waging am see durch sein „goaßlschnalzen“ den winter „vertrieben“, vertreiben wollen, und „die bösen geister“. damals hat der zauber gewirkt, dann ist der krebs über ihn gekommen und die erlösung. kult und abwehr. wenn hagelunwetter droht, wollen die menschen den knall entgegensetzen, den klang der geweihten glocke. bann und fluch, gesungen, gerufen, geschrieen, geläutet, gepöllert, gebetet, hagelabwehr, bann und schutz gegen schreckliche naturereignisse. alpsegen und innerschweizer betruf & singend alles gute zum neuen jahr für gesundheit in stall und haus wünschen. totenklage neujahrsingen sternsingen das singende dorf premana die sänger und musikanten im val resia das erotischste der alten männer in maria schutz die ergreifende totenklage die freundschaften mit musikanten und sängern renato morelli, amerigo vigliermo und dann die norma inmitten von zwanzig männerstimmen.

station eins:
alles oder viels hat in der langen übergangsnacht vom 31. dezember anno 1970 auf den ersten jänner des jahres 1971 angefangen, beim neujahrsblasen der blaskapelle pernitz. dahinter und mitten drin immer die verwandten von gerlinde, musikantischen menschen aus der überreichen sing- und musiktradition des schneeberggebietes, gerlindens heimatregion, väterlicherseits, singende, immer wieder singende tanten und onkeln und kusinen und wieder die jungen und bei jedem familientreffen das singen und das singende aufeinanderzugehen und so etwas wie kommunikation oder auch mehr. „tausend glück und zufriedenheit“ haben sie uns allen gewunschen und gerlinde hat mit dem tonband aufgenommen und hat registriert und gesammelt für ihre dissertation & alles hat sozusagen in dieser nacht des ersten zusammenseins (von gerlinde mit mir und ich mit gerlinde) angefangen, getreulich bewacht und beschützt von gerlindens vater franz – und wie ich mich daran erinnere! wie gestern. mit „glück und zufriedenheit“ ausgestattet haben wir vor vierzig jahren das gemeinsame miteinander begonnen. und es hat gehalten und ganz gleim und alles weitere hat die musik verbunden und überwunden und geheilt und immer wieder mein teilnehmendürfen an gerlindens tonaufnahmen und gesprächen und immer wieder durchdrungen von der ihr eigenen berufung zum zu zuhören, zum wissen um die kraft der musik und des liedes.

station zwei:
gerufen von josef blättler, dem damals 78-jährigen hirten und senner auf der alp scharti oberhalb von kerns im kanton obwalden, ist der betruf weit über die alm erklungen. dahinter die glocken der kühe und kälber. der seihtrichter als schallverstärker und dann die archaischen rufe „o lobä zuä lobä … alle schritt und tritt in gott namä lobä“ von der alm und über alle menschen im tal und droben steht der goldene thron und oben drauf die „liäbe muätter maria mit irem herzallerliäbschte soon“, mit vielen gnaden übergossen. alm = loba = uralte alpensprache & betruf = ist uralter kult und bann und beschwörung und abwehr und segen. pfarrer karl umfeld hat uns geholfen. hat glocken und schellen gezeichnet. immer wieder die magie der musik. zusammen mit glocken und beschwörungen und mit kreide auf den deckenbalken die terminvormerkungen für die vergangenen und die kommenden alpsegnungen. alles eingebunden und unterworfen der magie. dann sind sie herbeigekommen & haben gehorcht. seine kühe und kälber mucche mie, venite mucche, nel nome di dio, die alle sprachen der musik verstehen. gott der herr möge alles bewahren. auf dem thron mitten auf der alm und umgeben vom ring, vom gezogenen kreis, die mutter, die madonna, die ana die anna und alles ist ihr anvertraut und alles ist keinerlei preudochristkatholische tümlichkeit, ist aber ältester kern und ritual wie das wünschen, wie der knall der peitsche, wie der almschrei der almerin auf den ausseer almen. erst gestern verschollen. aber immer noch nachklingend, beschwörend, abwehrend. alles zusammen.

station drei:
gerlinde im ferstental, val fersina, val mocheni, palai/palu, vlarotz/floruz, oachleit, auf den alten höfen des tales unterwegs mit renato morelli, forschend nach liedgut. dann die TOTENKLAGE als letzte erinnerungen der frau rosa korn: ai moi moi pin i mei loede is mer gstorbn der mann ai moi moi was werde ich jetzt machen hast einen so guten kaffee gekocht haben wir freude gehabt. ai moi moi und gedenke wie wir uns gern gehabt haben. jetzt bin ich allein. im august 2010 sind wir miteinander dorthin gefahren, hinauf durch das tal der „macher“, tüchtige leute in diesem „mocheni-tal“, mit waren aller art in der halben alten monarchie unterwegs & überaus kluge leute & immer wieder singend und gastfreundlich. auch weiter weiter im süden bei den letzten sprechern und kulturüberlieferern der ältesten dialekte in den „inseln“ von lusern/luserna, giazza, roana und asiago. und gedenkst du, liebe gerlinde, wie wir die sechsteilige sammlung ihrer sprache und ihrer lieder bekommen haben und die alten wörter mit dem alten ötztalerischen verglichen haben und wie du den hoschpl fotografiert hast? und wie wir lieder gesucht haben. ai moi moi & es ist fast nichts mehr da und es wäre zum fast-nicht-mehr-zum-aushalten schön und ergreifend und erst recht, wenn sie dann „von meinen bergen muss ich scheiden“ singen. wenn es für alle zeiten verklungen sein sollte?

station vier:
premana. gerlinde im singenden dorf, auf der alm ihrer sommerlichen lustbarkeiten und ihrem sommerlichen singen. stundenlang und inbrünstig, ergreifend, laut, einige finger am ohr, durchdringend und nie mehr wiederholbar. in premana dem scherenmacherdorf hoch und weit droben in den bergen. eine singende legende und wir haben dabei sein können. immer die „donna lombarda“ und entfernt vom dorfplatz beinahe das ganze dorf mit dem hochzeitsständchen „ihr findet keine besseren … der mond, der scheint, er scheint in den kessel, diese zwei brautleute haben zwei schöne ringe gekauft“ / „luce la lune giù nella caldaia“ und sie werden auch noch manschettenknöpfe kaufen und glücklich sein. wir haben das alles im ohr. es klingt noch immer. die singende tradition des singenden dorfes lebt auch morgen und übermorgen.

station fünf:
gerlinde bei amerigo und norma und gino & allen sängern unterwegs im canavesichen und gerlinde kann nicht genug bekommen von dieser ELVIRA & ELVIRA angelo mio ritorna idolo tesoro mio mein engel, meine angebete, mein schatz und weiter in diesem kitschigsten und ergreifendsten liebes- und klagelied und wie sie es singen. du liebste, du hartherzigste, du mein engel. wir fahren weiter und werden alle wieder sehen. dann sind sie zu uns nach tirol gekommen. mit der anderen seite ihres einzigartigen liedschatzes mit den partisanengesängen und den liedern des widerstandes, der not, vom krieg, vom auswandern „e noi prigionieri nio prigionieri di guerra siam nell’ingrata terra … del suolo siberian / und wir gefangene wir kriegsgefangene sind in der undankbaren erde des sibirischen bodens“. und wieder werden wir sie hören können und gerlinde wird weiterhin horchend und lauschend die alpentäler durchqueren, hoch hinauf zu den sängerinnen und sängern. ja, es ist lange her. und es kommt alles wieder und es wächst und gedeiht, wenn die menschen in ihrer unablässigen sinnsuche wieder singend musizierend einander begegnen.

station sechs:
es klingt noch & schallt über die felsen bis zum abbrechenden schnee, bis zur lawine, ausgelöst durch den klang der glocke, der dem pferd, dem tragtier von zwieselstein über heiligkreuz nach vent umgehängten glocke, dem „singeisen“, das an gefährlichen stellen dem pferd abgenommen wird, damit es mit hohen und höchsten schwingungen nicht droben über dem steilhang den über den steilhang hängenden schnee auslösen könnte, den schnee abbrechen ließe und dass alles zusammen als tödliche lawine auf ross und mensch und mitgeführte lebensmittel donnern würde, wie es uns der bergführer und lawinenexperte luis pirpamer aus vent berichtet hat. das alles wie das schießen gegen hagel, wie das knallen der peitsche, wie das erschallen der wetterglocke. gerlinde kennt diese alpinen und außeralpinen und weltweiten und menschheitseigentümlichen klänge und töne der abwehr, der klänge als bann und zum schutz und die anderen klänge zu lust und freude, immer wieder.

station sieben:
und unaufhörlich jeden fasching in aussee in ihrem geburtsort und heimatboden droben in eselsbach. drunten im markt (heute in der stadt) das magische erklingen des faschingmarsches, hineingesteigert bis zum „geht-nicht-mehr“ hundertfach an den „drei heiligen tagen“ des faschings. wo sonst noch? das alles ist nach und neben dem väterlichen pernitzer erbe gerlindens zweite musikseite von großeltern und urgroßeltern von ausseerischen und anderen „engeln“ & den fischerischen von obertraun und rundum bis hinauf zur eselsbacher geburtsstätte. immer die erinnerung. dann die wissenschaft und wieder das lehren und vermitteln, das weitergeben, das saatgutausstreuen und zuschauen, wie die saat aufgehen kann.

station acht:
gelehrt geliebt vieles weitergegeben in die ohren hinein und ins herz gesungen: nicht aber das tümlich-dümmlich-pervertierte. nicht diese pseudo- und (er)folxs-musik-anbiederung und allerwelts-weltläufigkeitsweltmusik. und was das soll? das fragen wir eppan wöll decht. di gerlinde. sie wird’s wieder zurechtrücken. wird nicht aufhören. wird erst recht ab herbst 2011 weitermachen.

station neun:
die schanzln in aussee. der jodler zu zweit das lerchenbrett das zusammensingen, wie es niemand sonst kann und wie ich es sonst nirgendwo gehört habe. da müssen wir die gerlinde fragen & sie wird es wissen. amen. und alle anderen „überlieferungsträgerInnen“ und musikanten und zitherspielerInnen und sagenerzähler und wissende um ONIWEIG, WAUGGERLN und den birigstutzn. die gerlinde wird es wissen und erforschen mitsamt dem geigenden toni auf der henarschalm und dem hannes mit seinen musikanten und unaufhörlich weiter geht die suche nach dem almschreierinnen und wie es zu verklingen droht und vielleicht noch zu retten wäre.

station zehn:
heiligenblut am fuße des großglockners. abschiednehmen am 6. jänner 2006 um fünf uhr in der früh und unterwegs gewesen; die ganze nacht hindurch von bauernhof zu bauernhof. anno 1951 schrecklich von lawinen heimgesucht, viele tote. die „winklerrotte“ begleitend und hilfreich unterstützt von der lieben maria hauser-sauper. sie singen und danken „für die empfangne speis und trank“ und der liebe gott soll sie bewahren vor krankheit und feuersgefahr und vor dem jähen tod. so sei es. und wir wollen euch wünschen ein glückseliges neues jahr und der liebe gott „soll euch beschützen vor schauer & wassergfahr“ und wohl auch vor der schlimmen lahn und soll uns bewahren vor dem jähen tod.

station elf:
gerlinde wird wieder unterwegs sein. vielleicht erleben wir wieder einen solchen unvergesselichen singabend wie am zweiten februar 2002 in ponte caffaro mit der gebündelten kraft der sänger aus dem canavese aus ponte caffaro und den einzigartigen sängern der geschwister bregoli samt anhang und mitsängerinnen mit dem „drüber-singen“, das sie „SOPRANINO“ heißen, wenn eine der frauen in der oktav drüber die oberstimmt singt, dann geht es kribbelnd über den rücken. dann ist es magische volksmusik pur. ist nicht wiederholbar. das sind glücksmomente im alpenmusikforschungsleben der gerlinde mitsamt ihrem begleiter hans. sall wöll sage ich ötztalerisch.

station zwölf:
abschluss und finale und krönung eines lebenswerkes im ausseerland. neun mal „musica alpina“, einzigartige tondokumente aus allen teilen der alpen fürsorglich und korrekt und musterwissenschaftlich durch gerlinde erklärt und allen nahegebracht. kultur pur aus den alpen. das ist eine krönende zwischenbilanz. das ist sozusagen und vermeintlich und hoffentlich (erst) das erste drittel ihres OPUS MAGNUM. die beiden anderen drittel kommen aus dem heimatlichen ausseerland, gewürzt mit nachbarschaft und erinnerung an den heli gebauer, den unersetzbaren singpartner der grete. da ist nicht nur die dachsteinregion ärmer geworden. jetzt suchen wir neues. auch weil es das alte sein könnte und das immer-wieder-dort-aufbauen-können und das erklingen der musik im musik- und volkskulturintensivsten teil österreichs: nicht nur wegen des geografischen mittelpunkts. es ist und bleibt mehrfach der mittelpunkt. sellamool wöll. ich kann es bestätigen.

hans haid / august 2011

Musikalien des Übergangs. Festschrift für Gerlinde Haid anlässlich ihrer Emeritierung 2011 In: Musikalien des Übergangs. Festschrift für Gerlinde Haid anlässlich ihrer Emeritierung 2011.
Herausgegeben von: Ursula Hemetek, Evelyn Fink-Mennel und Rudolf Pietsch

Band 24 der Schriften zur Volksmusik, Herausgegeben von: Gerlinde Haid

Böhlau-Verlag 2011, 373 S.
119 s/w-Abb und Notenbeispiele, 1 DVD
24 x 17 cm, Gb. mit SU
Preis: € 39.00
978-3-205-78676-4

Bestellmöglichkeit über den Böhlau-Verlag