Texte von und über Hans Haid
Gepatsch-Ferner-Szenario
Hans Haid, 29.4.2004In den vergangenen Tagen vermittelte uns das Fernsehen über ORF-TIROL-„Heute“ ganz wunderbare und erschütternd-schöne Bilder jungfräulich einzigartiger Gletscherflächen in den Ötztaler Alpen: den Gepatschferner mit der Weißsee-Spitze (3526 m) und dahinter die Weißkugel (3738 m) usw. Solche weiten Fernerflächen in weiten Hochgebirgsbecken gibt es in den ganzen Alpen in dieser Art nicht. Und wenn noch einmal 20 oder 30 und mehr solche schrecklichen Gletscherschmelzungsjahre wie 2003 kommen sollten: der Großteil des Gepatschferners wird das überleben. Und das wissen auch die Herren der Gletscherlobby und deren Vasallen und Günstlinge. LH van Staa: „wenn die Gletscher unten schmelzen, rücken wir halt nach“. LH-Stellv. Eberle: „wenn das Arbeitsplätze“ bringen sollte, ist ihm jede Seilbahn recht und sowieso „im Zweifel für die Wirtschaft“ etc. Jetzt muss alles daran gesetzt werden, die schleichende Zerstörungs-Wut zu bremsen, einzudämmen, zu verhindern. Diese weiten und einzigartigen Gletscherflächen müssen absolut tabu bleiben. In schier allmächtiger Göttlichkeit (ähnlich der zusätzlich zur alpin-porno-Szene ausgeweiteten Perversion in einem Nachbartal) setzen sich Bonzen und Madonnen über alles hinweg, was uns seit Jahrhunderten und Jahrtausenden heilig ist: dort leb(t)en die SALIGEN FRÄULEIN im Kristallpalast der Ferner; als „Herrinnen der Tiere“, als Beschützerinnen des Lebens. Dort unter den Fernern sind die sündigen Städte DONANÄ, ONANÄ und TANNENEH versunken; Städten der DANA. Das gehört(e) zu unserer Kultur und zur Identität der hintersten Bergtäler. Ich habe in meinem neuen Buchmanuskript „Mythos Gletscher“ viel darüber gesammelt.
Weißseespitze als Objekt der Begierde
Jetzt muss zweifach argumentiert werden: einmal fachlich-sachlich und einmal emotionell-ästhetisch. Es muss also klargestellt sein, was Wirtschaft und Naturschutz benötigen, wie sie sich ergänzen oder ausschließen. Faktum ist, dass die Weißseespitze als Objekt der Begierde bereits 1981 bei der Schaffung des „Ruhegebietes Ötztaler Alpen“ herausgenommen wurde, ebenso der Linke Hintere Fernerkogel (als Objekt der Begierde vom Pitztal aus) und dass ungefähr ¼ des Gepatschferners nicht in diesem Ruhegebiet liegt. Das gesamte „Ruhegebiet Ötztaler Alpen“ wurde als „NATURA 2000“ nach Brüssel gemeldet. Damit liegt das Schutzgebiet in einer absoluten EU-Tabuzone. Was dort nicht dabei ist, verfällt der tyrolische-kurzsichtig- profitorientierten Mafiosiwirtschaft samt deren Arschkriechern und Hörigen.
Fachliche und emotionale Diskussion
Es muss sachlich-fachlich diskutiert werden, welche „anderen“ Projekte und Maßnahmen außerhalb von Ferner, Seilbahn und Verdreckung möglich wären, die diskutiert wurden und real sein könnten: über Regionalentwicklung MIAR, über irgendwelche EU-Projekte, über den Deutschen und Österreichischen Alpenverein usw. Bis dato haben alle geschlafen oder liegen „im Sumpf“ von Gepatsch. Droht wirklich „Abwanderung“ aus dem Kaunertal?
Wer investiert und kassiert wirklich? Warum kann nicht die einzigartige Ressource rund um den Naturschutz und Natura 2000 genutzt werden wie anderswo? Warum keine Offensive pro Ökologie mitsamt der nachhaltigen Ökonomie?
Und es muss emotionell - kulturell - ästhetisch argumentiert werden. Es gibt die Kriterien Schönheit und Unberührtheit, Jungfräulichkeit und Pietät. Es gibt die Faktoren Kultur-Landschaft, Sage, Überlieferung, lokale Identität und HEIMAT-Bewusstsein. Und es gibt die „religio“ dieser unfassbaren Heiligkeit erhabener Berge und einzigartiger Gletscherflächen. Das ist weltweit so und (zumindest bis anno 2004) auch bei uns. Soll das alles geopfert werden? Was ist denn passiert in der Frühlings-Gletschersonne mit den gletscher- sonnenverbrannten Herzen und Hirnen irgendwelcher Parade-Älpler? O weh o weh es gibt ein neues TANNENEH! sooget vrgalts-gött und holtet is maul? AMEN.







