Texte von und über Hans Haid
Grüß
Gott Tirol 2004 - II
(Betrachtungen zum Neuen Jahr und nachher
)
Hans Haid, 7.1.2004 (Rundschau Imst, 7.1.2004; Briefkasten)Neues und Erfreuliches möchte ich vermelden. Neue Ideen schwirren hoffnungsvoll durch Täler und Schluchten, hinauf zu den Gletschern, den Fernern, den Skistationen, den himmlischen Rastplätzen und Wallfahrtsorten. Rundum zeigt sich Tyrol exemplarisch von der innovativsten Seite. Rundum Bergsilvester, Hüttengaudi, neueste Tourismusarchitektur. Das Traumbild eines höchst lebendigen Bergvolkes. Durch nichts zu erschüttern. Keine Transitwahnsinnigkeiten, keine Tschirgantuntertunnelungen, keine Geburtenrückgänge, keine Kirchenaustritte, keine Scheidungen, volle Kirchenbänke. Wahrhaftig: das kreativste Bergvolk der Alpen. Ich weiß es, weil ich seit 20 Jahren forschend und vergleichend in den Alpen unterwegs bin. Es ist zugleich das verkommenste Bergvolk der Alpen. Überall wird Tyrolisches nachgeahmt, nachgeäfft: „Tiroler-Stil“ für mieseste Lederhosenimitationen, „Tyrolean-Musik“ für allermiesesten Musikfolklorismus, jodelnd und dodelnd bis zum Erbrechen. Schade, dass der Moik kein Tiroler ist. Die brutalsten Alpenzerstörer? Es wird leider stimmen, dass der hierzulande praktizierte Massentourismus mit all seinen negativen Seiten der größte Schädling für Kultur, für Natur, für Moral und für Nachhaltigkeit geworden ist. Wir kennen ja die Musterschauplätze des Grauens und der Verwüstung; bis hin zu porno-alpin und kilometerlangen Architektur- und Geschmacksbeleidigungen in diversen Skizentren des Grauens und des Geldes. Und dann wieder höchst Positives. Zum Neuen Jahr wieder dasselbe Dahinschmelzen der Ferne und Hirne? Stopp!
Bio-Musterland Tirol?
Von Tirol gingen die besten gesamteuropäischen Ideen in der Bio-Landwirtschaft aus. Musterland mit ebenso vielen Biobauern wie in ganz Deutschland. Aber das war einmal.
Musterland mit „Bio-Alpin“ (Heinz Gstir & Co sei Dank!): Musterland mit der ersten gentechnikfreien Milch aus einer Großmolkerei (Hans Partl & Co sei Dank!). Musterland für den Start der Kreativ-Schiene „Bio-Hotels“ (Ludwig Gruber & Co sei Dank!). Musterland neuer Tourismus-Architektur etc. Erschreckendes Kontrastprogramm auf den Gletschern und in den Hirnen etlicher Paradepolitker. „Wir müssen die Gletscher füttern“ - mit Kunstschnee. Und: „Wir betreiben aktiven Gletscherschutz“ (wohin mit dem Klier?). Oder: „Ich unterstütze jedes Liftprojekt, weil es Arbeitsplätze bringt“. Von demselben Landesherrn kennen wir auch den Slogan: „Im Zweifel für die Wirtschaft“. Wohin mit dem Eberle und der ganzen Frächter- und Seilbahnlobby? Wir sind hierzulande nicht zimperlich. Gemästeten Geldwampen sind Herzen und Hirne verstopft. Hinauf in die Gletscher, wenn es untern schmilzt. Van Staa-Slogan und Ski Heil! Unsere sensibelsten Jungfrauen schmelzen dahin, werden im kommenden Jahr vergewaltigt, gebären im Jahr darauf einen Bastard aus Herrn Snow-Kult und Mama Idiotie.
Ich fürchte mich davor. So kann's nicht weitergehen. Dem überaus spärlichen Kreativpotenzial im heimischen Tourismus wünsche ich geistreichen Zuwachs. Der erfolgreichen Bio-Schiene wünsche ich glatte Fahrt und stetig steigende Kapazitäten in die höchsten Hotelburgen und in alle Krankenhäuser, Bergstationen, Naturparks und Landhausküchen. Amen. eppan wöll und eppan decht? Ötztalerisch etwas zum Schenken: „a güets Nüies joor at di geemat!“ sall wöll.






