i schmeck in langes – Rezension

Rezension „i schmeck in langes“

Helmuth Schönauer, April 2018

An manchen Tagen steigt die Lyrik aus jeglichem Zeitgeist aus und erzählt etwas vom archaischen Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Arbeit und Religion.

Hans Haid beschäftigt sich seit einem halben Jahrhundert mit den Menschen, die unter die Räder des Fortschritts kommen, mal ist er dabei Volkskundler, dann Museumsgestalter, mal Essayist und dann wieder Lyriker.

„i schmeck den langes“ ist der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Werkausgabe, die insgesamt von Ulrike Tanzer betreut wird. Der Band mit den Gedichten ist dabei sicher der spektakulärste, stillste und eigentümlichste, wie auch Hans Haid quer durch die Generationen und Landstriche als jener Lyriker gilt, der das Innigste der Alpen besingt. Im Nachwort werden auch die wichtigsten Stationen des Lyrikers dokumentiert, seine Lyrik ist verbunden mit der Freundschaft zu H.C. Artmann und endet spektakulär als Weltkulturerbe, das der Ötztaler Dialekt inzwischen geworden ist.

Die Gedichte, von denen ein Fünftel unveröffentlicht ist, sind unter markanten Überlebensgriffen aufgefädelt. Leben und arbeiten / Religion und Brauchtum / Zorn und Polemik / Liebe und Menschen / Rückschau und Ausblick.

Vor allem die Zorngedichte vom Land, wo alles aus Kuhdreck, Einfältigkeit und frömmelndem Getue besteht, haben lange den Tourismus herausgefordert und ihn erst spät zum Nachjustieren seiner Fortschrittsgläubigkeit gezwungen. Mittlerweile gelten die Gedichte als wertvolle Zeugnisse eines jahrhundertealten Überlebenskampfes, der noch nicht aus ist. So wie man früher mit der Natur ringen musste, muss man jetzt mit dem Ausverkauf von Grund und Boden ringen. Und zwischen einem Bauern, der einer scheißenden Kuh ins Gelände folgt, und einem Saisonarbeiter, der dem Touristen den Liftbügel in den Hintern schiebt, ist wahrlich kein Unterschied.

Und dann, eingeschweißt in Wortzeilen von Lawinen, Keuchhusten, Bauchschmerzen und Muren (45) gibt es auch noch Konstellationen voller Liebe, wenn etwa zwei unter einem Regenschirm gehen und zusammenschlüpfen unter den Bäumen. (195)

Die Gedichte bestehen oft aus Wortzeilen, hingeknallten Schmerzensschreien, Arbeitsbefehlen aus einem verlorenen gegangenen Handwerk, Gebetsformeln gegen das Unglück. Wer einmal den Hans Haid mit Händen und Füssen hat lesen hören, vielleicht in der frühen Musicbox auf dem damals noch intelligenten Ö3, der wird diesen Vortrag aus dem Jenseits der Vorfahren nie mehr vergessen können.

Aber auch beim stillen Selbstlesen der Gedichte springt einen der Sound aus der Fels-gewordenen Alpen-Lava jäh an. Die behutsame Lesehilfe von Barbara Haid garantiert eine gewisse Orientierung, dass man mit den Texten nicht verlorengeht. Und später, wenn man das Buch schon wieder weggelegt hat, tun sich die Täler und Gebäude, die Straßen und Lawinentunnel vor den Augen auf in einem ganz anderen Licht. Man hört diese Verbauungen seufzen und zischeln, und sie tun es seltsamerweise in der Sprache vom Hans Haid.

Die Werkausgabe könnte zur geheimen literarischen Verfassung der Tiroler Gegenwartsliteratur werden. „olles / goor olles / glangglen lossn“ .

Hans Haid: i schmeck in langes. Ausgewählte Gedichte. Werkausgabe. Band I. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Christine Riccabona und Anton Unterkircher. Mit Lesehilfen von Barbara Haid.

Innsbruck: Haymon 2018. 275 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-7099-7296-0.

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