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Texte von und über Hans Haid


Lebenszeichen 2002
Indigene Völker und Kulturen der Alpen

Hans Haid, 14.5.2001

Alpen - Machtvolles Erbe

Keine andere Region Europas ist so vielfältig an alten Kulturen, an alten Sprachen, ist so reich an archaischen Sagen, Mythen und altertümlichen Traditionen wie die Alpen. Im langen Bogen von Nizza bis Wien, auf 1300 Kilometer, wohnen mehr als 11 Millionen. Die Alpen haben ein Viertel Anteil am Welttourismus, sind einer gigantischen Flut von Transit ausgesetzt und sind zugleich der „Dachgarten“ Europas.
Neben italienisch, französisch und deutsch wird von ungefähr 400.000 Alpenbewohnern slowenisch gesprochen. Neben der überaus reichen Vielfalt an Dialekten sprechen die „Älpler“ auch friulanisch, ladinisch, rätoromanisch, piemontesisch, francoprovencalisch, occitanisch, ligurisch etc. Älteste Sprachrelikte sind in Bezeichnungen der Almwirtschaft und der Hirtenkultur sowie in Namen der Berge und Flüsse erhalten geblieben. Es sind vielfach Reste einer präindoeuropäischen Sprache.

Welt der Sagen, Rituale und Mythen

Älteste Alp-Kultur lebt in der reichen Welt der Sagen, Rituale und Mythen. Ein unvergleichlich reicher Schatz ist bis in die Gegenwart erhalten geblieben. Es gilt als sicher, daß die weitaus überwiegende Zahl der Bergheiligtümer, die der Mutter Anna oder der Madonna geweiht sind, auf alten Kultstätten vorchristlicher Mutter-Gottheiten errichtet wurden, der Madrisa, Rätia oder Silvretta. „Als Gott eine Frau war“, beteten sie zur mater gravida, zur dea madre, zur tanna donna dindia, zur gentildonna und den drei SALIGEN Frauen oder der Salzene. Gegen die schlimmsten Gefahren durch Lawinen, Bergstürze, Muren und den Ausbruch von Gletscherseen haben sie kultische Handlungen gesetzt, mit Bann- und Segenssprüchen, mit Bittgängen zum Gletscher oder dem Bannen der „Wetterhexen“. Die Schweizer Christian CAMINADA und Eduard RENNER sowie der franzöische Forscher Paul-Louis ROUSSET haben wichtige Bücher zu diesem Thema geschrieben.

Luigi DEMATTEIS aus Rore im Val Varaita/Piemont hat mehr als 70 Bände der Buch-Reihe QUADERNI DI CULTURA ALPINA herausgebracht. Mehrere davon beschäftigen sich mit den Felszeichnungen (incisioni rupestri) in den Alpen. Davon gibt es am Monte Bego, in Ligurien, dem Wallis, im Veltlin, in der Val Camonica usw. mehr als 400.000. Diese geheimnisvollen und überaus sensiblen Kostbarkeiten einer zehntausendjährigen Kultur der Alpenbewohner müssen vor dem massentouristischen Zugriff und damit vor der drohenden Zerstörung geschützt werden. Neben magischen Symbolen und Tieren finden sich zahlreiche Darstellungen vom bäuerlichen Leben, vom Pflugziehen und von Geräten des Ackerbaues.

Zu den spannendsten Elementen magischer Handlung gehört der RING mit dem Ziehen des Kreises als magisches Abwehren von Gefahr und Bedrohung. Im schweizerischen „BETRUF“ ist diese Magie noch immer lebendig. Auf vielen Almen ist es üblich, daß am Abend der Senner, also der für die Milchverarbeitung zuständige Mann zur Verstärkung des Tones den Seihtrichter in die Hände nimmt und dann in alle vier Himmelsrichtungen ruft. Es sind sehr archaische Worte und Formeln, die mit christlichen Namen vermischt werden. „Hia und um diese Alp umä da gaht ä goldigä Ring, darin sitzt Maria mit irem härzallerliäbschte Chind. Hiä und um disi Alp umä da gaht ä goldigä Thron...“ ( hier und um diese Alpe herum da geht ein goldener Ring, da geht ein goldener Thron). Im kleinen Bergdorf Planail nahe dem Reschenpaß gehen in der Nacht zum ersten Jänner Burschen von Haus zu Haus mit Glückwünschen für alle Hausbewohner, für die Hausmutter, den Hausvater, die Kinder. Eines dieser Lieder beginnt mit dem magischen Wunsch: „Mia ziachns den Fodn wohl ummadumms Haus“ (wir ziehen den Faden wohl rund um das Haus). Wie reich der Schatz an lebendigen Bräuchen, Ritualen, an Liedern, Rufen, Gesängen in den Alpen bis in die Gegenwart lebendig und aktuell geblieben ist, beweist die Dokumentation von „musica alpina“. Auf vier CDs ist authentische Volksmusik zu hören, mit Liedern, Rufen und Schreien zum Locken der Tiere usw.

Neue - alte Feuerzeichen

In vielen Teilen der Alpen werden seit 1988 am zweiten Samstag im August die „FEUER IN DEN ALPEN“ entzündet. Alpenbewohner wehren sich dagegen, daß Almen unter dem Stausee verschwinden, daß die Natur zerstört, zerrissen und verbaut wird. Journalisten nannten diese Aktion die größte Bürgerinitiative Europas.
Weitere Beispiele für wache, für kritische und für das Über-Leben in den Alpen engagierte Menschen finden wir an der Blockade der Brennerautobahn genauso wie bei Aktionen gegen die Inbetriebnahme des Mont-Blanc-Tunnels. Junge Menschen kehren aus der Stadt wieder in die Bergtäler zurück, bauen dort neue Bio-Landwirtschaften auf und helfen bei der Entwicklung des neuen Öko-Tourismus. Damit kommt wieder Hoffnung.

In den VOLKS-SAGEN und der mündlichen Überlieferung werden sehr alte Geschichten erzählt. Unter den Gletschern liegen verschwundene Städte. Dort wohnen die SALIGEN FRÄULEIN und die Dolasilla im Kristallpalast. Dort liegen Berge, beide oberhalb der berühmten Blümlisalp in der Schweiz, denen sie die Namen „Wyssy Frau“ (weiße Frau) und „Wildi Frau“ (wilde Frau) gegeben haben.
Der neue Forschungszweig der Landschafts-Mythologie erforscht gemeinsam mit der Ur- und Frühgeschichte sowie der Ethnologie diese Überlieferungen.
Für die alpine Geschichte überaus bedeutsam ist der Fund des 5300 Jahre alten „ÖTZI“ („Mann im Eis“) im Jahre 1991. Dort leben auch die Saligen als „Herrin der Tiere“ und in den Gletschern liegen die Städte Tanneneh, Donanä und Onanä. Die Geschichte der Alpen-Kultur reicht nach neuen Forschungen zehntausend Jahre zurück. Immer wieder können neue Schätze geborgen werden.

Die Menschen haben sich auch das alte Wissen um die Nutzung der rechten Tage zum Baumschlägern und Ackern bewahrt. Sie haben in den Alpen, ganz besonders im zentralen Raum der alten Räter-Kultur in den uralten Sagen einen Teil der Schöpfungsmythen überliefert.

Lebendige Dichtung

Die Poetin Anna Maria BACHER aus dem Bergdorf Brendo, einem versteckten Weiler im Pomatttertal im Piemont/Italien schreibt im alten Walserdialekt. Eines ihrer Gedichte schildert den grundlegenden Strukturwandel:

Z Tälli leet

Der Barg löckt
di Jungu-Lit
khafti in schine Wengu,
är ksetschi, oni Glekch,
neder schepfä
bes änä schtettu.

Äs escht ingkhei Fang...

Ztälli leet,
äs cha nit kse
z schtärbä
fa schina Derfienu.

Z Tzit fart kschwentz
we z Wasser
undrum schtek...
Äs get ferbü
Un tret na
En altä Chlag.
Das Tal leidet

Der Berg schaut auf
die jungen Menschen,
die sich an seine Hänge klammern;
er sieht sie, ohne Glück,
niederrutschen
bis in die Städte.

Es gibt keinen Halt...

Das Tal leidet,
es kann das Sterben
seiner Dörfer
nicht mitansehen.

Die Zeit flieht rasch
wie das Wasser
unter dem Steg...
es geht vorbei
und trägt
eine alte Klage nach.

Nicht anders lautet es beim rätoromanischen Dichter Armon PLANTA oder bei der slowenisch dichtenden Milka HARTMANN in Kärnten.
Ganz ähnlich klingt es in Gedichten des provencalisch schreibenden Sergio ARNEODO, des Piemontesen Tavo BURAT, des Kärntners Bernhard C. BÜNKER oder des Obwaldners Julian DILLIER.
Dichtung und „Gedächtnis des Volkes“ kreisen immer wieder um die zentralen Themen von Identität, von Verlust und Bedrohung, aber auch von der alten und ältesten Kultur als Wurzel des Lebens und des Überlebens.

Quelle: Bildkalender der Gesellschaft für bedrohte Völker - Österreich. Blatt Juli 2002