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Texte von und über Hans Haid


Grüß Gott Tirol 2004 - I

Hans Haid, 31.12.2003

Regionalentwicklung

Wohin sind sie geflossen, die mehr als 20 Millionen EURO aus EU-Töpfen für LEADER und INTERREG in Tirol? Wohin sind die zusätzlichen Regionalentwicklungsmillionen in noch größerer Höhe geflossen? In den Tiroler Wüstensand gesetzt. Kein einziges Regionalentwicklungkonzept im Sinne der EU-Richtlinien für „integrierte ländliche Entwicklung“ wurde gestartet und wurde realisiert. Die Pitztaler und die Kaunertaler hätten es nötig gehabt. Kirche und Grüne zusammen könnten und sollten es anpacken. Ansatzweise ist das im Dezember 2003 von 14 christlichen Kirchen Österreichs entwickelte SOZIALWORT eine Superidee. Ansatzweise lobe und preise ich die grünen Ideen. „Ski- und Wanderzug Mayrhofen“. Prima. Vielleicht auch ein Ski- und Wanderzug Sölden auf der neuen Bahnstrecke. Geld wie Mist haben sie dort. Aber auch Ideen und Kultur?

Ich muss es sagen: Massentourismus in der perversen Spezialform Marke Sölden oder Ischgl ist der größte Schädling für Kultur und Natur und Moral und Nachhaltigkeit. Mag sein, dass Eberle nach wie vor nach den Geldmaschinen greift, gemäß seinem Sager: „Ich unterstütze jedes Liftprojekt, weil es Arbeitsplätze bringt...“ (1) Der Stubai-Klier mit dem Sager: „Wir müssen die Gletscher füttern ... Wir betreiben aktiven Gletscherschutz“ (2). Klar: mit Kunstschnee auf den dahinschwindenden Fernern. Und der andere Sager kommt aus Wien und niemand im Lande regt sich auf: „er lasse sich von einer Volksbefragung und einem möglichen negativen Ergebnis sicher nicht beeindrucken“. Minister Gorbach sprach also über eine mögliche Bürgerentscheidung gegen den Tschirganttunnel. Das Stimmvolk mault und schimpft. Aber es wehrt sich nicht. Müssen wir also die Gletscher mit Kunstschnee füttern, alle Lift- und Seilbahnprojekte realisieren, allen Bürgersinn und Bürgerwiderstand ins Grab schaufeln? Still und leise geht die Zerstörung vor sich. Sölden propagiert sündteure Autotests auf dem Ferner, schaufelt tonnenweise Echtschnee nach Seefeld und Warschau. Dahinter die Öde und Leere ausgeräumter Kultur und Natur im Sinne kurzfristiger Profitgier. Gemästete Geldwampen rinnen talauswärts. Ich muss mich mit zerstörten Hoffnungen abgeben.

Mangelnde Unterstützung für LEADER- und INTERREG-Projekte

Millionen EU-Fördergelder via LEADER und INTERREG wurden in den sprichwörtlichen Sand gesetzt. Ich beklage, dass mein Lieblingsprojekt anno 1996 bei der Gründung von LEADER-Ötztal „Sall wöll“ mit einer Drehscheibe zwischen Tourismus und (BIO)-Landwirtschaft nach meinem durch interne Sachzwänge beschleunigten Abgang weder weitergeführt noch realisiert wurde. Im Gegenteil: der hochbezahlte Manager ist total und komplett gescheitert. Im Ötztal auf allen Ebenen. Zurückgelassen wurden Frust, Zorn, ein Haufen platter Versprechungen, kaputte Startprojekte, große Hoffnungen. Ich beklage, mit diesem und anderen Projekten von offiziellen und halboffiziellen Stellen im Stich gelassen worden zu sein. Klägliche Intrigenspielchen, diffuse Korruptionstaktiken, miese Freunderlwirtschaftlereien sind dazugekommen. Nicht einmal das schöne kleine Projekt der grenzüberschreitenden Schaf-Zusammenarbeit über die Jöcher ins Schnalstal, in den Vinschgau, ins Passseiertal wurde mir möglich gemacht. Schafzuchtverband und Südtiroler Kleintiertzüchterei und die jeweils zuständigen Verhinderungsbeamten und Verzögerungs-Bauernkämmerer haben wieder einmal Bremsklötze eingebaut.

Muster-Bio-Land (Tirol)?

Gleich hinter Haiming geht's los. Die Drehscheibe Landwirtschaft-Tourismus wäre möglich gewesen. Ich sage es aus Überzeugung und im Wissen, dass es anderswo geht und ginge: Bregenzer Wald (hochgejubelt in der „Saison“ Tirol Winter 2003-2004, S. 21) oder „Tauernlamm“ im Salzburger Land. Robert Zehentner kauft jährlich ungefähr 1000 Lämmer im Tiroler Oberland, schlachtet, verwertet und verkauft: zu 90 Prozent an Wirte und Hoteliers im Salzburger Land. Und die vielen Tonnen Tiroler Schafwolle? Ein stinkender Skandal ist das:
Der Tiroler Schafzuchtverband, statt dem Hansl Regensburger und seiner beispielhaften Wollwaschanlage in Umhausen zu helfen, schickt wieder tonnenweise die dreckige Wolle nach Belgien zum Waschen, LKW's voll und lässt alles reingewaschen nach Tirol zurücktransportieren. Vonwegen Transit und so. Vergeltsgott TYROL!? Und der Abgang des obersten „Um Berge besser“-Tirolvermarkters Adami mag vielleicht zu beklagen sein. Kaum kann ich ein Tränchen herauspressen. Statt BIO im ersten europäischen Muster-Bio-Land (Tirol) mit allen Kräften und Taten zu fördern, wurde ein verlogener Täuschungs-Slogan in die Werbewelt gesetzt. Also konnten mit billigstem Heuimport und massenhaften Kraftfutterzusätzen gemästete Rinder mit und ohne Gentechnik aus den Tiroler Bergdörfern super und natur und rein und um „Berge besser“ als Lock- und Täuschartikel vermarktet werden. Erst ganz jüngst wurde „BIO vom BERG“ propagiert. Und das wiederum hat dem Adami Hals und Kragen und Job gekostet. Die agrarischen Kurzköpfler des Landes haben ihn abgesägt. Er muss gehen, weil scheinbar und offensichtlich die sowieso minimalen Qualitäts-Ranzen-Kriterien den Agrariern von Gottes Gnaden zu scharf waren. Schwamm drüber! Und die erstklassige Tirol-Bio-Marke soll sterben.

Tirol is(s)t anders

Ich schäme mich für dieses Land. Es ist (fast) soweit, dass ich resigniere, dass ich alles hinschmeiße, dass ich für das allseits Heimattal und das noch immer geliebte Heimatland keinen Finger mehr rühre. Was solls? Anderswo geht es anders und besser: im Zuge meiner österreichweiten und sogar alpenweiten Forschungen für das neue Buch „NEUES LEBEN IN DEN ALPEN“; drückt und zwickt es mich ganz saggrisch. Was passiert im BIO-Bereich in Salzburg, in Niederösterreich, in Oberösterreich, in Wien, in Graubünden, rund um Marburg (Maribor), im slowenischen Nationalpark Triglav etc.? „Tauernlamm“ feiert anno 2004 den 25-jährigen Bestand. BIO-Produkte werden wirtschaftlich sehr erfolgreich im Lande abgesetzt. Alle Küchen im Eigentümerbereich des Landes Oberösterreich werden auf BIO-Lebensmittel umgestellt. Die BIO-Quote soll bereits 2005 mehr als 30 % und dann 50 % betragen. Das alles gemäß dem neuen Regierungsabkommen. In 90 (!) Großküchen Niederösterreichs werden täglich für 20.000 Menschen zu 25 % Bio-Lebensmittel aus der Region verwertet. Das bringt den Bauern einen Umsatz von 6 Millionen Euro. Na, und bei uns in TYROL? Null und gar nichts BIO in den Landhausküchen, in den TILAG-Ausspeisungs- und Gesundheitszentren, Null und noch einmal Null in der neuen Aqua-Wellness-Metropole im Ötztal. Und in Wien? 25.000 Essen allein in den Kindertagesheimen sind Ende 2003 zu 30 % Bio. Die Krankenhäuser mit ca. 40.000 Essen pro Tag sind bei 17-20 % BIO angelangt.
Freilich, die BIO-Bauern im Nationalpark Hohe Tauern, Bereich Salzburg, werden saftig und brutal „über den Tisch gezogen“. Billig und billiger für Billa. Der billigere „Osten“ droht.
Und in Tyrol? Kläglich sind alle hoffnungsvollen Start- und Probeversuche gescheitert. Sie mussten scheitern, weil weder Tourismuswirtschaft noch Bauernkämmerer sowie die jeweiligen Politiker es wollen, oder es nicht können oder ganz einfach keinen Bio-Horizont haben.

Gletschererschließungen

Also weiterhin „die Gletscher füttern“. Kunstschnee sei Dank ! Umsomehr setzen etliche dieser kurzsichtigen Dorfkaiser auf weitere Gletschererschließungen, auf neue Lifte, auf damit durch Eberles weisen Ratschluss neugeschaffene (?) Arbeitsplätze, sozusagen snow statt Hirn und Herz. Da mag es in diesem geliebten Land wohl passieren, dass ein paar Schüler ein Modell ausarbeiten dürfen, wie „Gastronomen und Bauern Hand in Hand“ zusammenarbeiten könnten. (3). Wieder ist von BIO keine Rede. Und der Speckkaiser mitsamt seinem Hotelbruder aus Ischgl lässt die Oberländer Raststätte sowieso ohne BIO, weil der Speck sowieso nicht BIO sein kann und will. Umso mehr und umso erfreulicher ist von Tirol eine Idee ausgegangen, die von den „Bio-Hotels“. So ginge es im Sinne kleiner Brosamen in einer düsteren Tourismuslandschaft.

Verluderung und Verdümmlichung

Es packt mich manchmal heiliger Zorn, wenn ich die Verluderung und Verdümmlichung - auch via ORF Tirol-Blödelfunk dieses Landes miterleben muss, allein schon mehrmals wöchentlich durch die zwei Kilometer Beleidigungsarchitektur und Kulturlosigkeit im Paradeskiort des Ötztales.

Fehlendes Innovations-Potential

Da wundert es mich nicht , wenn die „GRÜNEN“ alternativ für die kommenden Gemeinderatswahlen im März 2004 eher auf die "Top 30" setzen, in denen sie bei den letzten Landtagswahlen bis zu 32,57 % (Sistrans), 27,40 % (Lans) der Stimmen erobern konnten.
Das sind Signale des Umdenkens und der nachhaltigen Regionalentwicklung. Dagegen stehen die ärmlichen Zeugnisse der Unvernunft, der mangelnden (Bauern-)Schläue, des brutalen Überhandnehmens im alleinseligmachenden Tourismusdenken. In ebenfalls (fast) dreißig anderen Gemeinden liegen die Grünen unter 2 %, beispielsweise gerade in Tourismusorten wie Ischgl mit 1,29 % oder St. Leonhard mit 1,75 % oder Gerlos mit 1,34 % und noch darunter mit 0,94 % in Galtür. Und Längenfeld, mein Herkunftsort im Ötztal, kommt gerade noch auf 2,01 %. Irgendwo, so denke ich mir, wird die Entwicklung verschlafen, wird in einer erschreckenden kulturellen Rückständigkeit dahinvegetiert, besteht das allergeringste Innovations-Potential. Da kann nichts weitergehen. Noch dazu, wenn der starke Arm es so will.

Sollten wir den ehemaligen Pionieren nacheifern? Es gibt und gab sie in diesem Lande und nebenan. Franz Senn (1831-1884) als Geistlicher von Vent hat 1869 maßgeblich die Gründung des Alpenvereins vorangetrieben und war ein Pionier dessen, was wir heute als integrierte und nachhaltige Regionalentwicklung verstehen. Keinesfalls ist aber Senn als Tourismuspionier misszuverstehen. Nichts Anderes ist zu halten vom landwirtschaftlichen Wanderlehrer, vom Pfarrer und Aufklärer Adolf Trientl (1817-1897), den sie auch den „Mistapostel“ nannten. In diese Reihe der Pioniere würde ich noch den aus dem Bregenzerwald stammenden Franz Michael Felder (1839-1869) einordnen, einen weit und voraus denkenden Bauern und Rebellen im besten Sinne des Wortes.

Chance für die Zukunft des Landes

Zuletzt haben die 14 christlichen Kirchen Österreichs in ihrem gemeinsamen SOZIALWORT ganz massiv und eindringlich das beschworen und gedacht, wofür weder unsere Politiker noch die zuständigen Machtinstrumentarien zu taugen scheinen. Es geht um ein ökologisch-soziales Leitbild, in dem die „Nutzung und Vernetzung von Ressourcen für eine eigenständige Regionalentwicklung“ gefordert wird. Vorbei mit der „Aufforderung des Obersten, sich die Erde untertan zu machen ... dass die Fetzen flogen und die Arten sterben wie die Fliegen“ (4), dass ganze Landstriche kahl gefressen werden, von diesem Menschen, "das skrupellose Tier".

Der biblische „Auftrag“ hat uns offenbar soweit gebracht. Oder soll das alles anders gedeutet werden?
Ich sehe darin und in weiteren Projekten eine Chance für die Zukunft des Landes; nicht für drei oder vier Jahre, sondern für übermorgen und das Jahr 2020 oder 2030.
Dem Umwelt- und Kulturschutz muss die Zukunft gehören, den letzten Resten an Überlebens-Qualität. Morgen ist es zu spät. Das Jahr 2009 rückt nahe: Freiheitskampf anno Neun und das widerlich-patriotische Drumherum zweihundert Jahre später. Auf Ruinen, Abfallhalden und Hoffnungslosigkeit?

(Erste Anmerkungen für ein Manifest & Pamphlet TYROL)

(1) Tiroler Tageszeitung 8.11.2003
(2) Tiroler Tageszeitung 3.12.2003
(3) Tiroler Tageszeitung 30.12.2003
(4) Süddeutsche Zeitung 11.12.2003 „Das Streiflicht“