Texte von und über Hans Haid
Wege der Schafe
In: Granatapfel. Das Gesundheits- und Familienmagazin der Barmherzigen Brüder, 6/2009, 77. Jahrgang 2009 (S. 20-21)Der oberste Teil des im Bundesland Tirol gelegenen Ötztales hat mit den beiden Orten Vent auf 1900 m und Obergurgl auf 1930 m zugleich die „höchsten Kirchdörfer“ Österreichs und der Ostalpen. Mit der Siedlung Rofen auf knapp 2020 m gibt es dort auch den höchstgelegenen Bauernhof der Ostalpen und einen der höchstgelegenen in den Alpen und damit Europas. In dieser Kernregion der Ötztaler Alpen ist im September 1991 auf dem knapp über 3200 m hohen Tisenjoch der berühmte „Mann im Eis“, der legendär gewordene „Ötzi“, aus dem scheinbar „ewigen Eis“ der Gletscher ausgeapert.
Im hinteren Ötztal finden Schafe so große und reiche Weideplätze, dass sie auch aus dem extrem trockenen Vinschgau in beschwerlichen Wanderungen mit ihren Hirten hierher ziehen. Es konnte jetzt nachgewiesen werden, dass diese jährlichen Schafwanderungen im Juni und im September seit ungefähr 6600 Jahren durchgeführt werden. Momentan sind rund 28 Bauern aus dem benachbarten Schnalstal in Südtirol rechtmäßige Besitzer von ausgedehnten Weideflächen im hinteren Ötztal mit zusammen ca. 3000 ha und damit dort die größten privaten Grundbesitzer.
Bis auf den heutigen Tag vollziehen sich die Schaftriebe nach alten Ritualen und Ordnungen. Der Hauptteil der Schafe kommt nicht aus dem unmittelbar benachbarten Passeiertal und dem Schnalstal, sondern aus Orten im Vinschgau, aus Laas, Kortsch und dem Sonnenberg. Gegenwärtig führen diese „Wege der Schafe“ über drei Pässe bzw. Jöcher im Alpenhauptkamm, und zwar gehen sie über das knapp 2500 m hohe Timmelsjoch, über das 2885 m hohe Hochjoch und das 3017 m hohe Niederjoch. Über Hochjoch und Niederjoch führt der Weg teilweise noch immer über Gletscher.
Die großen Schafherden weiden im Gemeindegebiet von Sölden. Mit 446 km2 ist Sölden nicht nur die größte „Landgemeinde“ der Alpen, sondern auch als Tourismuszentrum bekannt und berüchtigt: ausgestattet mit 2 km „Beleidigungsarchitektur“, mit mehr als 2 Mio. Ausländernächtigungen und damit österreichweit hinter Wien an zweiter Stelle und das alles bei knapp über 3000 Einwohnern. Weil Südtiroler außer ihrem Weidebesitz auch noch große Weideflächen vor allem im Bereich Obergurgl-Hochgurgl dazugepachtet haben, können jetzt jährlich ca. 5500 Südtiroler Schafe ihre „Sommerfrische“ bei saftigem Grün im Ötztal verbringen. Mit weiteren Schafen aus dem Ötztal und aus vielen Orten von Tirol können im Sommer ungefähr 10.000 Schafe im Gemeindegebiet von Sölden weiden. In ganz Tirol werden rund 65.000 Schafe „gesömmert“, verbringen also den Sommer auf den Hochweiden. Diese spezielle Art halbnomadischer Wirtschaftsweise wird als „Transhumanz“ bezeichnet. Noch um 1950 zogen riesige Herden von bis zu 50.000 Stück von der Provence bis den Gletschern, von der Poebene bis in die bergamaskischen Alpen.
Die „Wege der Schafe“ zwischen Südtirol und dem Ötztal sind in dieser Form einzigartig. Sie sind Teil jahrtausendealter und vor allem noch immer lebendiger Hirtenkultur, eines der wenigen Beispiele grenzüberschreitender Transhumanz, die wohl letzte Wanderung großer Schafherden über Gletscher und Eis. Das sind Jahr für Jahr auch spektakuläre Ereignisse für die Medien mit weltweiter Ausstrahlung, z. B. auch in Japan.
Vor allem wenn die Schafe Mitte September über das Timmelsjoch ins Passeiertal, über das Hochjoch nach Kurzras im Schnalstal und das Niederjoch nach Vernagt, ebenfalls im Schnalstal, ziehen, gibt es traditionelle Feste. Es sei der größte Festtag des Jahres, heißt es dazu im Schnalstal.
Dazu gehört das kulturelle Umfeld: die einzigartige Holzarchitektur der Schnalser Bauernhöfe, das Wissen um die alten Sagen und Legenden und die reichhaltigen Belege der Kulte, der Ur- und Frühgeschichte. Kaum eine Region der Alpen verfügt über ein so dichtes Netz ur- und frühgeschichtlicher Fundplätze, die teilweise mehr als 9600 Jahre zurückreichen und die zumeist an Orten liegen, die mit den alten Schafwegen in Verbindung stehen. Ebenfalls in enger Verbindung zu den Wegen der Schafe konnten in den vergangenen Jahren zahlreiche Stätten mit Schalensteinen, Menhiren und Steinkreisen entdeckt werden. Als alpenweit einzigartig gilt in Fachkreisen der Reichtum an überlieferten Sagen und Mythen.
Nirgendwo sonst dominieren weibliche Sagengestalten so prägend wie in dieser Region. In der scheinbar unbelebten Welt der Gletscher und der Kahlgebirge gibt es die mythische „Anderswelt“ der „saligen“ Frauen und Fräulein, mehrmals in der Dreiheit überliefert, gibt es die archetypischen Frauengestalten der Dana und der Disen, der Langtüttin und der Rusilena. Es gibt Nachrichten, dass sie den Hirten helfen, wenn diese die Schafe in Nebel und Schneesturm nicht mehr finden können. Es sind helfende, aber auch mahnende und strafende Gestalten wie die Niederjöchler und die Alte, fälschlich als Hexe beschriebene Frau, die den Treibern und Hirten erscheint und sie vor dem Schneesturm warnt: „Mandr, Mandr, husch, husch!“ Dann kommt eines dieser schlimmsten Ereignisse im Lebe der Schäfer und Bauern. Es kommt der Schneesturm. Es kommen Lawinen, auch mitten im Sommer.
Mehrmals in der Geschichte, aber auch in der mündlichen Überlieferung wird von Unglücken berichtet. Das letzte schlimme Ereignis gab es 1979, wiederum mit mehreren Hundert toten Schafen. Viele davon sind erfroren und erstickt. Immer noch in Erinnerung ist das schlimmste Unglück mit dem Tod von über tausend Schafen und von zehn der elf Treiber beim Übertrieb über das berüchtigte Gurgler Eisjoch. Seit 1963 wird dieser gefährlichste aller Schafwege über das Eisjoch auf mehr als 3040 m nicht mehr durchgeführt.
Die Schäfer stammen zumeist aus dem Schnalstal und aus dem Passeiertal. Es sind verlässliche und kompetente Kenner und Wissende, auch Bergphilosophen, die alte Überlieferung und markante Ereignisse weitergeben. Es sind gleichsam auch Reste einer nomadischen Kultur der Alpen, verbunden mit viel Eigensinn und Tradition. So gibt es die erstaunliche Tatsache, dass z. B. eine alte Urkunde, ein Weidevertrag, abgeschlossen im Jahre 1415 zwischen Bewohnern des Schnalstales mit Vent, unverändert und korrekt bis heute gilt. Und es scheint so, dass die bewährte und überlieferte Tradition offenbar ungebrochen weitergeht.
Literaturhinweis:
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Hans Haid: Wege der Schafe. Die jahrtausendealte Hirtenkultur zwischen Südtirol und dem Ötztal In den Ötztaler Alpen hat sich bis auf den heutigen Tag eine mehr als 6000 Jahre alte, halbnomadische Hirtenkultur erhalten, wie sie sonst kaum noch in den Alpen zu finden ist. Tyrolia / Innsbruck Bozen 2008 |
Fotos von oben nach unten (alle Fotos: Hans Haid):
- Schaftrieb auf dem Hochjochferner.
- Rast bei der Schutzhütte „Schöne Aussicht“, im Vordergrund ein neugeborenes Lamm.
- Widderköpfe mit Hörnern als Erinnerung an früher, denn heute gibt es so gut wie keine gehörnten Widder mehr. Beim Schaffest in Vernagt im Schnalstal.







