Laudatio Holzner

Johann Holzner: Presseaussendung und Laudatio

anlässlich der Überreichung des Otto-Grünmandl-Literaturpreis 2010 des Landes Tirols an Hans Haid am 1. März 2010

1. Presseaussendung zur Überreichung des Otto-Grünmandl-Literaturpreises 2010 an Hans Haid (am 1.3.2010 in Innsbruck)

Der erste Otto-Grünmandl-Literaturpreises geht an Prof. Dr. Hans Haid.

Ähnlich wie der vor zehn Jahren verstorbene Schriftsteller und Kabarettist Otto Grünmandl (1924-2000) hat Hans Haid (geb. 1938 in Längenfeld) über Jahrzehnte, seit seinen ersten Gedichten in Ötztaler Dialekt, die in den frühen siebziger Jahren erschienen sind, das literarische Leben Tirols mit-geprägt. Er hat ein ganz und gar eigenständiges, oft widerständiges Werk geschaffen, das neben Gedichten und Erzählungen und Fortschreibungen alter Mythen auch zahlreiche Sachbücher umfasst – eine lange Reihe von kulturgeschichtlich bedeutsamen Arbeiten, die, weil unkonventionell, manchmal als ungehörig, als anstößig empfunden worden sind, aber insbesondere der Dialektliteratur und der Volkskultur, weit über die Grenzen des Landes, auch über die Grenzen Österreichs hinaus, viele Anstöße vermittelt haben und nach wie vor geeignet sind, Denkanstöße zu geben in einer Welt, in deren kollektivem Gedächtnis vieles nicht mehr gespeichert ist, was doch wert wäre, aufgehoben und weiter bedacht zu werden.

Laudatio anlässlich der Überreichung des Otto-Grünmandl-Literaturpreises 2010 an Hans Haid

Die Kurzgeschichte, von der im Folgenden die Rede sein soll, ehe es gilt, die Verleihung des ersten Otto-Grünmandl-Literaturpreises an Professor Dr. Hans Haid zu begründen, ist eine auf den ersten Blick einfache, in Wahrheit jedoch ziemlich vertrackte und hintergründige Geschichte. Sie ist im Übrigen kaum bekannt, und würde dabei doch einen Platz verdienen in jeder Anthologie der neueren österreichischen Literatur, weil sie dort strahlen könnte wie ein Rubin (den die Alten als Stein des Lebens und der Liebe geschätzt haben).

Die Geschichte heißt „Mutmaßungen“ – und sie handelt von einem Mann, der als Straßenkehrer gewohnt ist zu beobachten, was die Menschen einfach fallen lassen oder auch wegwerfen. Aus seinen Beobachtungen zieht er seine Schlüsse, und so kommt er kaum mehr zu seiner Arbeit, sondern immer wieder ins Sinnieren, und den Ich-Erzähler, dem er in dieser Geschichte begegnet, überfällt er mit einer Suada, in der von Zigarettenstummeln die Rede ist und von Zeitungsschlagzeilen, von Dingen, die verschiedene Namen, und von Wörtern, die mehrere Bedeutungen haben, eins gibt das andere, nichts kann den, der da redet, noch aufhalten, wie es scheint … am Ende verliert er selbst nicht nur den Überblick, sondern auch die ihm sonst eigene Contenance.

Er traktiert den Ich-Erzähler mit Ausführungen über die unwirklichsten Gegenden dieser Erde, über Landschaften, in denen „es weit und breit keine Almwirtschaft“ gibt, über die „Lofotenfalotten respektive Falottenlofoten“, es ist, so schließt er selbst, „es wäre zum Wahnsinnigwerden.“ – Ob er tatsächlich ein Wahnsinniger ist?

Es versteht sich, dass die Kurzgeschichte darauf keine Antwort mehr gibt. Sie hält nur fest, dass die Leute im Dorf, die den Straßenkehrer kennen, große Stücke auf ihn halten und ihn den Philosophen nennen; und sie überlässt ihm immerhin das letzte Wort: „Ich bin ja hier aufgewachsen“, sagt er, während er Schaufel und Besen auf seinem karren verstaut, um weiter zu ziehen …  als ob damit alles gesagt wäre.

Es ist damit nicht alles gesagt, aber die Geschichte ist in jedem Fall eine viel-sagende Geschichte, eine der schönsten Geschichten von Otto Grünmandl. Eine fesselnde Geschichte, konkret einerseits, poetisch andererseits. Ihr Held: ein Misanthrop, der wie seine Vorläufer – Shakespeares Timon von Athen, Molières Menschenfeind, Raimunds Rappelkopf – und nicht anders als Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon es einfach nicht mehr erwarten kann, dass die reale, in manchem verkehrte Welt der ausgedachten schöneren Welt endlich Platz macht … und der deshalb rebelliert, nur deshalb: „Ich bin ja hier aufgewachsen“.

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Ich rede über eine Geschichte von Otto Grünmandl, aber Sie haben, meine sehr verehrten Damen und Herren, längst bemerkt, dass ich gleichzeitig über Hans Haid rede, der in den frühen siebziger Jahren mit seinen Ötztaler Dialektgedichten sich auf Anhieb einen Platz in der österreichischen Literaturlandschaft erkämpft hat: in einer Sprache, die ihm nach wie vor wichtig ist, denn in dieser Sprache, so Haid, „treffe ich besser, greife ich tiefer, bin ich konkreter und zugleich poetischer.“

Die Welt, auch die Gedankenwelt, die in dieser Sprache sich äußert, kann eng und düster sein: dann verrät sie sich im literarischen Text. Aber sie kann auch Perspektiven vermitteln, die ganz zu Unrecht fallen gelassen oder weggeworfen worden sind: dann funkelt sie im literarischen Text. Wenn Hans Haid zuhört und berichtet, was die Schäfer erzählen, hält er sich ebenso selber zurück wie Grünmandls Ich-Erzähler, der den Philosophen reden und reden lässt, wohl wissend, dass die, die außen stehen, nicht selten etwas zu sagen hätten: außen zu stehen, schärft den Blick. Hans Haid hat immer schon die Innen- und die Außenperspektive gleichzeitig wahrgenommen.

Deshalb ist er auch keineswegs nur ein Querdenker, einer der sich beharrlich weigert, in jedem Strom mit zu schwimmen. Er ist auch ein Längsdenker, der nicht nur an das Heute, sondern immer wieder zurück in die Geschichte, zurück auch bis in eine Zeit denkt, von der nur noch Mythen berichten. Er ist ein Nachdenker, der noch immer aufmerksam die Gedankenpositionen registriert, die unsere Vorfahren  eingenommen haben, und dabei überlegt, welche dieser Positionen es wert sind, weggeworfen oder eben doch weiter bedacht zu werden. Und er ist schließlich ein Vordenker, der an die Zukunft denkt und nicht nur an die Erträge, die in der Gegenwart ohne Rücksichtnahme auf die kommenden Generationen zu gewinnen wären.

Fred Sinowatz, der als Bundeskanzler nicht immer ganz glücklich gewirkt hat, aber wohl ein ausgezeichneter Unterrichtsminister gewesen ist, hat einmal festgehalten, dass Hans Haid ein „beherzter, engagierter“ Autor – in dieser Reihenfolge: beherzt, engagiert – sei wie nur wenige andere. Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Allenfalls, dass Haids Engagement aus seiner Biographie heraus zu verstehen ist: Geboren 1938 in Längenfeld, hat er an der Universität Wien Volkskunde studiert, das Studium mit einer Dissertation über „Das Brauchtum des Ötztales und seine Wandlung“ abgeschlossen und also schon von allem Anfang an aus der Nähe des Dazugehörigen und zugleich aus der Distanz des Beobachters verfolgt, was sich in ‚seiner’ Region unter den Vorzeichen der Modernisierung zugetragen hat. Er hat zahlreiche Vereine und Organisationen begründet oder initiiert, u. a. das Internationale Dialektinstitut, die Arge Region Kultur, Pro Vita Alpina, er hat die Schriftenreihe Ötztal-Archiv eingerichtet und eine lange Reihe von Büchern (mit)verfasst, literarische Arbeiten und Sachbücher, die weder mit dem Begriff ‚Heimatliteratur’, noch mit der Bezeichnung ‚Antiheimatliteratur’ adäquat zu erfassen sind – weil sie das alte Schwarz-Weiß der idyllisierenden und verklärenden Blut-und-Boden-Dichtung ebenso meiden und verwerfen wie das neuere Weiß-Schwarz einer Literatur, die sich in Polemik erschöpft hat.

Haid hat damit schließlich auch ganz wesentlich dazu beigetragen, die gewohnte Dichotomie zwischen konservativen und avantgardistischen Positionen aufzuheben: so wie er (darin ein Verwandter von H. C. Artmann, Norbert C. Kaser und Gerhard Kofler) den Dialekt als unverbrauchtes Material wieder entdeckt und genutzt hat, um (in einem sorgfältig kalkulierten Verhältnis von Nähe und Distanz) Botschaften zu vermitteln, die anders nicht angemessen ausgedrückt werden könnten.

Wie Grünmandls Philosoph, so denkt nämlich auch Hans Haid unermüdlich darüber nach, was wert ist aufgehoben zu werden (in der doppelten Bedeutung des Wortes: aufgehoben zu werden). Er hat sich damit sehr oft Widerspruch eingehandelt – sehr oft den Widerspruch eingehandelt von Menschen, die über den Geschäften der Gegenwart jeden Gedanken an die Welt der Väter und Mütter und Vorfahren oder an die Welt der Kinder und Enkelkinder als Zeitverwendung von sich schieben. Aber auch den ersten Otto-Grünmandl-Literaturpreis des Landes Tirol hat er sich damit verdient.