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Texte von und über Hans Haid


Die Transhumanz

Artikel von Hans Haid in „Tiroler Land wie bist du...? / Tirolo come sei...?“

Jährlich wird sie zelebriert, diese nach wie vor eindrucksvolle und spektakuläre Aktion der sogenannten „Transhumanz“, also der Schafwanderung, also der letzten alpinen Reste einer alten nomadischen Kultur in den Alpen. Und nirgendwo sonst in den ganzen Alpen geschieht es so eindrucksvoll wie zwischen Südtirol und dem hinteren Ötztal. Es sind große und wichtige Tage. In den Vinschgauer Orten Laas, Göflan, Schlanders, Kortsch und vom Sonnenberg sind die besten Berggeher und die Schaf-Liebhaber aufgeboten. Im Schnalstal melden sich die schneidigsten Burschen und Männer. Vereinzelt sind „Weiberleute“ dabei, nicht minder bergtauglich und begeistert. Auch aus dem Passeiertal kommen sie daher. Sie treiben nach alter Übung und gemäß alter Rechte ihre Schafe aus Südtirol ins hintere Ötztal. Da und dort, deet und entn treffen sie sich. Mitte Juni kommen sie. Mitte September gehen sie wieder. Einen Sommer lang auf Sommerfrische. Es sind ungefähr 5000 Stück aus vielen Südtiroler Orten, die zur „Sommerfrische“ über den „Timml“, also das Timmelsjoch sowie  über Hochjoch und Niederjoch ins hintere Ötztal gekommen sind. Mehr als 10.000 Schafe weiden insgesamt auf den Weiden des Sölder Gemeindegebietes; etwa ebenso viele zweibeinige Sommerfrischler und Wanderer und Biker treffen sich mit den Schafen und den Hirten. In den Schäferhütten „wohnen“ sie dann, die Hirten, einige mit Ziegen. Schon wegen der Milch. Der „Tonl“ aus dem Passeier kommt mit einer ganz besonderen Goaß: sie nimmt mitunter auch junge Lämmer wie eine Amme an ihre Zitzen und ernährt sie. Der Alfons aus Pfelders hat seine komplette Ziegenherde bei sich. Wie sein Vater, der legendäre „Vinz“ ist auch der Willi wieder am Rofenberg. Jahrelang hat der „Fortunat“ im Niedertal allzu neugierige Wanderer und Medienleute von seiner Hütte fernzuhalten versucht. Vergeblich. Es sind ja allesamt denkende Sonderlinge, kleine Bergphilosophen, allerbeste Naturkenner und sowieso Schafliebhaber der besonderen Sorte. Jetzt haben wir diese so genannte „Transhumanz“ seit vielen vielen Jahren. Es werden jetzt gut 6000 Jahre sein. Noch etliche Jahrhunderte vor dem ÖTZI: und auch der war ein Hirte. Was denn sonst? Oder auch noch ein Wunderheiler, ein Schamane, ein Priester? Hinten drinn in den Schafbergen treffen sich Ötzi und Alfons und Tonl und Willi mit den SALIGEN. Es sind die „salign weibrleite“. Als „Herrinnen der Tiere“, als Beschützerinnen der Gämsen, als Helferinnen der Hirten und der Hirtinnen, auch als Rächerinnen. Dann lassen sie Lawinen losbrechen und verheerende Muren ins Tal stürzen. Dann sucht der Hirt nach ihnen, geht weit und immer weiter in die Gletschertore, bis zu zweihundert, dreihundert Meter. Dort sollte und könnte er eine davon treffen, ganz drinnen im Kristallpalast der Ferner. Dort könnte der Hirt auch einen oder gar viele der Büßer finden.  Nach alter Überlieferung erleiden sie dort die „KALTE PEIN“; in alpiner Vorstellung anstelle des Fegefeuers. Auch Schafe suchen bei sommerlicher Hitze die kühlenden Plätze. Das Schlimmste kommt erst, wenn wieder einmal Schneestürme über die Dreitausender jagen, wenn dann beim Schaftrieb ein halber oder ein ganzer Meter Neuschnee auf dem Joch liegt. Da wird es sehr sehr dramatisch. Es ist vorgekommen, dass die Hirten für die Schafe die Türen der Schützhütte geöffnet haben. dass sie dann hunderte von Schafen  in allen Kammern und Räumen verteilt haben. Draußen aber sind dreihundert oder gar vierhundert Schafe in Schneesturm und Kälte erfroren, erstickt. Oder es sind Lawinen losgebrochen. Der Alfons hat auf diese Weise hundert ihm anvertraute Schafe verloren. Es war ein schrecklicher Sommer 1979. Es war noch schrecklicher, als bei einem Schaftrieb über das mehr als 3150 Meter hohe Gurgler Eisjoch nach mündlicher Überlieferung  tausend Schafe und zehn  der elf Treiber zugrunde gegangen sind. Ein altes Weiblein (eine Salige?) habe, so berichtet die Sage, die Schnalser bei schönstem warmem Sonnenschein vor einem drohendem Schneesturm gewarnt. „Mandr mandr husch husch“, habe sie gerufen und habe in die kalten Hände gehaucht. Die weise Mahnerin wird in einer Variante der Sage zur HEXE. Warum diese sprichwörtliche „Verteufelung“? Wer hat in diesen alpinen Rückzugsregionen die letzten Reste der „matriarchalen“ Kultur ausgetrieben?

Es geht weiter. Wie es scheint, auch die nächsten Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte. Es kann ja sein, daß wir diese alte und älteste alpine Kultur wieder einmal notwendig brauchen werden. Der alte Rofnerbauer hat zu seinem Sohn gesagt: „Bua, nimm tausnd Schof. Leg di niidr und schloof“. Es könnten ja auch die von kritischen Wissenschaftern angekündigten schlimmsten Alpin-Szenarien der Zerstörung durch Lawinen, Muren, Hochwasser etc. über uns hereinbrechen; als extreme Folgen des Klimawandels. Dazu kommen die schlimmsten  Naturausbeutungs- und Zerstörungsszenarien. Maurice Chappaz, der weise Mahner und Poet aus dem Wallis (im Jänner 2009 im Alter von 92 Jahren verstorben) hat sie als „Zuhälter des ewigen Schnees“ beschrieben. Eine neue SNOW-Mafia droht weite Teile unserer Alpenwelt zu zerstören. Und nachher? Wenn ich im Roman „SIMILAUN“ vom „Sieg des Lammes“ geschrieben habe, könnten wir die alten Geschichten, die Sagen und die Ereignisse der Apokalypse auf unsere Bergwelt übertragen. Auf dem Thron sitzt das Lamm.  Es ist nicht das verkitschte „Lamm Gottes“, nicht das niedliche „Osterlamm“ und auch nicht das geduldig zur Schlachtbank geführte Schäflein. Es ist vielmehr der Herrscher, Herrscherin, Gebieter und Gebieterin.

Dann haben die Hirten, Hirtinnen, Bauern, Bäurinnen, Schafe, Suugelen und Widder wieder ihren heiligen  Berg vor sich. Zum Beispiel die HOHE WILDE oder den SIMILAUN. Nach neuerer wissenschaftlicher Deutung ist es der „Berg der weißen Göttin Ana“ (zusammengesetzt aus „sam alu ana“ oder so ähnlich). Mitten drin und wissend um die alten Geschichten weiden die SchäferInnen ihre „Suugelen“, suchen nach den SALIGN, fürchten sich vor den im Ferner steckenden Büßern, vor Schneesturm und Lawinen. Im September gehen sie zurück. Im Juni kommen sie wieder. Wie seit mehr als 6000 Jahren. So ist es.

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