Texte von und über Hans Haid
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zu Hans Haid
Über das Buch „Sie nehmen auch den Schnee“
Peter Turrini, Retz, Februar 2003DAS Vorwort
Ich habe dieses Buch mit großer Faszination gelesen. Die Leidenschaft, mit der Hans Haid gegen die Zerstörung seiner und damit unserer Welt auftritt, kenne und schätze ich seit Jahren. Aber die Sprache, die Form, mit der er seinen Widerstand vorbringt, ist für mich neu und einmalig, auch wenn er seine Geschichten und Gedichte als freie Impressionen zu den Texten seines Geistesbruders Maurice Chappaz ausgibt. Die Qualität seiner Formulierungen steht seinem Zorn, seiner Widerständigkeit in nichts nach: hier ist einer großer Dichter am Werk.
Hans Haid ist ein Alpen-Abraham-a-Santa-Clara, er hält das große Lamento über die Vernichtung einer Landschaft, über die Auslöschung der Geschichte, über die Pervertierung der Gemüter. Er ist der Narr, der Störenfried, der Seher. Während sich die meisten in immer aberwitzigere Projekte zur totalen Nutzung der Natur stürzen, singt er das aufwühlende Lied der Erinnerung: wer hier einmal war, was hier einmal war, wie es hier einmal war.
Natürlich ändern sich die Zeiten, Altes wird von Neuem abgelöst. Aber die Geschichte der Veränderung wird von Menschen gemacht, sie ist nichts Unausweichliches, nichts Unbeeinflussbares, keine in sich selbst funktionierende Maschine. An ihr wird von Menschen, von Verantwortlichen, von Planern, von Geschäftemachern, von Zynikern gedreht, gehebelt, manipuliert, geschmiert. Würde man auf Menschen wie Hans Haid hören, würde diese Maschine der Veränderung nicht ganze Landstriche und ihre Bewohner unter sich begraben.
Hans Haid stimmt ja nicht nur die Totenklage an, er sagt auch, wie und in welcher Gestalt das Zerstörte, das Vernichtete wieder aufersteht: als Surrogat, als Imitat, als Kitsch, als Unterhaltung, als Event, als Geschäft. Damit trifft er meiner Überzeugung nach den Nerv der westlichen Kultur: Sie lässt hochleben, was sie zuvor getötet hat. Nachdem der letzte Indianer umgebracht war, begannen die Indianer-Filme, die Schamanen-Seminare. Nachdem der Faschismus unser Land gründlich zerstört hatte, drehte man die österreichischen Heimat-Filme. Nachdem die Volksliedsänger verschwunden waren, traten sie als Hansi Hinterseer im Fernsehen auf. Als unsere Lebensmittel nachhaltig vergiftet waren, kam es zur Gründung der Bio-Läden, undsoweiter, undsofort.
Und wenn Hans Haid, dieser wortgewaltig Liebende, den die Liebe zu seinem Land und den Menschen in die verzweifelte Klage getrieben hat, endlich seinen Mund halten wird, dann werden sie ihm ein Denkmal errichten, gleich neben einer Piste aus Kunstschnee.
Quelle: Sie nehmen auch den Schnee - ils prennent aussi la neige. Hans Haid. Lektüre für geübte und ungeübte Rückwärtsleser und Vorwärtsdenker - Band 1. © Edition Pro Vita Alpina & Freistaat Burgstein, Längenfeld & Burgstein 2003






