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Texte von und über Hans Haid


Die Verantwortung für das Land

Hans Haid, Stellungnahme in der Tiroler Tageszeitung vom 13.11.2010

Es geht nicht um Piz Val Gronda und ein paar kostbare Blümchen und ein aufgescheuchtes Berghuhn. Es geht um Grundsätzliches im Land Tirol.

Es geht um Grundsätzliches: um Brutalitäten und Raubbau an der kostbaren Natur, um eine neue Un-Kultur im Lande,  um höchst sensible Überlebensthemen, um schleichend-brutal-diffizile Machtdemonstrationen nahe an Zuhälterei und mafiosen Methoden. Das ist es. Die Blümchen werden vorgeschoben. Die schlimmsten Schandtaten von Politik, Bau- und Tourismuslobby werden kaschiert.

Wohin, wohin, triftet dieses Land, liebe Tirolerinnen, liebe Tiroler? Jetzt hock' ich im Nest in meinem Tal. Und mir ist kalt, eiskalt. Mir graut vor dir, geliebtes Tal, geliebtes Land. Was soll ich tun? Schreien, klagen, weinen, betteln, poltern, mahnen? Schreckliche Gräuel der Verwüstung. Rundum verschandelt, ausgeraubt, rustikal verseucht landauf landab und dort die Herrscher dieses Landes: Hotelpalast als Residenz. Immer wieder Snow und Geld, da wie dort und haufenweis. Alles pseudo, Sexy, pur und aller Welt zum Hohn. Und mehr noch als Lawinen, Muren, Felsstürze und das unaufhaltsame Austrocknen der Täler, das Ableiten der kostbaren Wässer, fürchte ich das Dahingenerieren der ehemals stolzen Älpler, fürchte ich das Schrumpfen der Berg-Hirne, fürchte ich das neuerlich verstärkte Mutieren ihrer Herzen und ihrer Sprache.

Ich vergleiche die obersten Repräsentanten in den folkloristischen Hochburgen des schlechten Geschmacks mit der Zuhälterei und bezichtige sie ganz offen mafioser Methoden der Einschüchterung. Sie gebärden sich wie Eroberer und Sklavenhalter Marke Tyrol. Von dort beziehen sie ihr Gehabe, ihre Macht, ihre Sprache. Es ist so: die Seilbahnherren sind Landesherren. Sie gebärden sich als Herren und erheben lautstark und laufend ihre Besitzansprüche auf Berge, Gletscher, Ferner, Almen samt allem Grund und Boden, samt allem Zubehör, samt Kellnerinnen, Jodlerinnen, samt Alpenmilch & „Sahne“.

Die neuen Machthaber sind nicht mehr zimperlich. Sie reden vom super-Sexy der Area 47 und vom super „Adrenalinrausch“ an der Mündung der Ötztaler Ache in den Inn, vor genau zwei Jahren entgegen aller Bedenken per Weisung durch LH-Vize-Gschwentner verfügt. Droben im fernen Bispingen haben sie das geklonte Sölden errichtet. Und dann die neue Sprache ihrer Un-Kultur.„Wir verkaufen ein authentisches Tirol, um Gäste zu holen“. „Skilehrer flirten wie Tiroler“. Sie haben den „originalen Flirt-Blick“ eingeimpft bekommen. SNOW & SEX sei Dank. Das ist neue Tourismus- und Zuhältersprache.

Detto auch Gesinnung. Was kümmern uns die kleinen Blümchen, jetzt demonstrativ ausgespielt als quasi-Gegner der Lift- und Seilbahnlobby und wider die vermeintliche Zukunftsentwicklung!? Und eppan wöltan geil sall wöll. In den hohen und höchsten Regionen grassiert die schlimmste und nachhaltigste Zerstörung, egal ob Piz Val Gronda, Tiefenbachferner, Fernerkogel, Weißseespitze und allerlei TIWAG-Verwüstungen. Neulich auch im Tal, in Oberlängenfeld im Ötztal, wo die prägnantesten Gletscherschliff-Felsen unmittelbar beim Ort weggesprengt, weggeschossen, verhängt und verdrahtet werden sollen.  Wirtschaft und Lobby stehen dahinter. Ich weiß.  Wer’s hat, schafft an, beutet aus, erhöht den Lustgewinn, kassiert und prostet. Sallwöll. Wie in der wirklichen Zuhälterei.

Ja, ich habe Angst um dieses Land. Und wohin das alles führt? Ich weiß es nicht. Wer hilft? Einer der grauen und mausgrauen Politiker? Vielleicht doch ein mit allen notwendigen Befugnissen ausgestatteter Landesumweltanwalt? Vielleicht gibt es tröstliche Worte in seiner „Verantwortung für die Schöpfung“ durch unseren malenden Ex-Bischof? Was überaus erstaunlich und erfreulich ist, das sind die weitaus überwiegend negativen Stellungnahmen der kritischen und wachen Bürger im Lande zu den Geschehnissen im Paznauntal rund um Blümchen und Piz Val Gronda. Das macht Hoffnung. Nur neun stimmen dafür. Aber einundsiebzig Prozent sind dagegen. (siehe TT-Frage des Tages vom 8.11.2010). Da könnte mir wieder ein bisschen Wärme spenden. SALL WÖLL!

Der Ötztaler Hans Haid ist einer der prominentesten Tourismuskritiker und Querdenker.

Siehe dazu auch den Artikel in der Tiroler Tageszeitung vom 13.11.2010 „Kampf um Tirols Berge - Die Erschließung des Skigebietes Piz Val Gronda“.

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