Texte von und über Hans Haid
Eppan
wöll vrgaltsgött?
„Initiativen von Hirn, Anstand, Kultur, Widerständigkeiten,
Überlebensaktion, von Nachhaltigkeit und Eigensinn sollen weitergehen.“
Hans Haid, 14.5.2001Eigentlich will ich Positives berichten. Von den Schönheiten des Tales singen. Die urigen Kultspeisen Nuischmolz und Krapflen loben. Sogar dem Herrgott für die Gletscherberge rund um Similaun und Wildspitz Vergelt's Gott sagen.
Eigentlich müsste ich ohne Nestbeschmutzung die allmächtigen Seilbahn- und Gletscherherren loben und preisen für die herrlichen Arbeitsplätze im Donner der Kunstschneemaschinen und Naturzerstörungsmonster auf etlichen Gletschern. Eigentlich müsste ich - als braver Sohn des Tales - den huldreichen Schneetransporteuren ins ferne Hamburg, ins ferne Oberhausen und sonstwohin, Gäste anlockend zu immer mehr Snow- und Pop-Events und Porno-Shows im Stadel und im Keller Dank sagen, auf die schwer belasteten Schultern klopfen. Zwei Kilometer Beleidigungsarchitektur allein durch Sölden hindurch, Bausünden, Baumonster, primitiv-teure Einfallslosigkeit, ein wenig Filmkulissenzauber für ein dubioses Ötzi-Dorf. Aufblähungen primitiver Schnee- und Seilbahnmonsterherren zum schlechtesten Geschmack aller Touristenstationen des Landes. Eppan wöll vrgaltsgött? Soll ich dankbar immer noch Vergelt's Gott stammeln? Etwa gar im Zuge meiner Aktionen und Publikationen für das Ötztal um Sponsorgelder betteln gehen? Mehrmals versucht, immer abgeblitzt oder mit läppischen Subventiönchen abgespeist. Wo verstecken sich die Kulturmenschen? Leichter geht's bei der Zuhälterei und primitiven Sexspielchen in folkloristischen Spelunken.
Monster Hannibal-Elefanten-Alpenquerung als Aufputz, als Ablenkung und Blendung. Auch 2002 wieder sündteuer gemästet. Daneben aber Aushungerung der anderen, der wirklichen Kultur. Das in Längenfeld-Dorf wunderschön begonnene Projekt als „Ötztaler Haus der Natur und Kultur“ musste geschlossen werden. Das dort befindliche „Ötztal-Archiv“ musste liquidiert werden. Kein Bürgermeister, kein Touristikobmann und kein Talkaiser hat geholfen. Mein durchaus chancenreiches Ansinnen nach einem UNESCO WELTERBE NATUR & KULTUR in den Ötztaler Alpen wurde bereits in der ersten Denkphase von Söldens Bürgermeister in der lächerlichsten Weise abgebogen.
Es gibt kaum eine Region der ganzen Alpen zwischen Nizza und Wien mit vergleichbarem Desinteresse, mit vergleichbarer Verhinderung und Blockierung aller Naturschutzmaßnahmen und Naturschutzprojekte wie im schönen Ötztal. Seit1981 gibt es Tirols erstes Ruhegebiet „Ötztaler Alpen“. Seit 1983 gibt es das „Ruhegebiet Stubaier Alpen“ (das Ötztal hat ca. 50 % Anteil daran). Seit zwanzig Jahren tot. Weil scheinbar hinderlich den Zerstörungsherren und Schneeköpflern. Seit 1980 blockiert ein ehrenwerter Gletscherprofessor Patzelt alle Aktionen und Öffentlichkeitsmaßnahmen und Unterstützungen für das UNESCO-Biosphärenreservat Gurgler Kamm. Eines von nur vier Modellstücken der UNESCO in den Alpen! Eine weltweite Anerkennung. Eine vertane Chance. Und trotzdem soll es weitergehen. Dennoch sollen neue Initiativen von Hirn, Anstand, Kultur, Widerständigkeiten, Überlebensaktion, von Nachhaltigkeit und Eigensinn weitergehen: etwa in Burgsteins "Freistaat", auf der Modellalm „Gampe“ bei Hochsölden, bei den Gurgler ALPENTÖNEN im September, im alten „Turm“ zu Ötz, im Freilichtmuseum von Längenfeld-Lehn, im neuesten Projekt des „Schutzgebiet-Marketing“. Fünf, sechs Bäuerinnen der konsequenten BIO-ERNTE-Szene im Tal können beste Bio-Produkte an Hotels und in Tourismusstationen liefern. Vergelt's Gott für das Bio-Joghurt aus Huben, den Bio-Käse aus Unterried, die Bio-Kräutlein und Brötlein aus Umhausen, die Bio-Müsliflocken aus Haiming! Wo aber nutzt der sogenannte Qualitätstourismus die einmaligen Chancen im Tal? Warum kommt es zu keinem Bündnis zwischen Bio-Landwirtschaft und Tourismus?
Die winzigen Hoffnungspflänzchen keimen auf äußerst trockenem Boden. Hoffentlich können demnächst neue Impulse durch EU-Projekte z.B. über INTERREG III/A mit dem Passeier- und Schnalstal sprießen. Oder ist wieder alles zum Sterben verurteilt? Lei sella Galtwompen? Snow- und Pop- und Pappschnee in einfältigen Schneehirnen? Wohin mein liebes, schneearmes, kulturloses Ötztal?
Quelle: ECHO Heimat Nr. 1, Februar 2002 „Das Ötztal“. Beilage zu ECHO Nr. 38, 02/2002








