Rezension „Die Landgeherin“

Claire French-Wieser, 12. Juni 2011
Dieses Buch sollte Pflichtlektüre für jeden Besucher Tirols sein, der den Kern dieses herben Landes kennen lernen will, ehe es zu spät ist.

Anhand eines Familienschicksals um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, erfahren wir etwas über eine andere Welt, die Welt der Besitzlosen, der fahrenden, „unehrlichen“ Leute, der Geächteten, die den letzten Rest der Heimaterde verloren haben, sich aber immer noch mit allen Fasern und oft unter Lebensgefahr an diese Heimaterde klammern. Es ist das raue Leben in seiner härtesten Gestalt.

Der Lanigertatte ist der Sohn eines „aufgehausten“ Kleinbauern. Sein einziges Recht an seiner Passeirer Heimatgemeinde ist, dass er dort sterben und begraben werden darf. Und selbst dafür braucht er einen geschriebenen Heimatschein. Jetzt zieht er mit seiner sich jährlich vergrößernden Familie durch das Tiroler Land.

Er verdient sein Brot mit Kesselflicken, Sägenschleifen und Regenschirmmachen, während seine stets schwangere Frau, die Mama, als geschickte Heilerin und Gesundbeterin bekannt ist.

Wie kalt und grausam dieses Schicksal ist, wird kühl und sachlich beschrieben: Zwei seiner Söhne, halbwüchsige Buben, erfrieren in einem Schneesturm am Toten Stein. Der Vater wirft die Leichen in den Bach: zwei Münder weniger zum Füttern. Die Mama wird ja jedes Jahr wieder ein Neues daherbringen.
Die Familie lebt von kleinen Diebstählen: Eier, Hühner, ein gestohlenes Lamm oder Zicklein; oder auf ehrliche Weise: ein toter Hund, ein erfrorenes Reh. Der Lanigertatte versteht sich auf die Zubereitung von Igelbraten. Aber sie kennen auch den Hunger. Doch wenn der Vater bares Geld verdient hat, kann er im Rausch gefährlich werden. Dann spricht aus ihm die ganze Verbitterung der Armut, der Zorn des Enterbten, der jedes zarte Gefühl getötet hat.

Doch die eigentliche Heldin des Romans ist die vierzehnjährige Ana. Der Autor hat ihr nicht umsonst den Namen der alten Erdgöttin gegeben, denn sie ist ein Kind an der Schwelle zum Frausein, eine Jung-Frau im alten, geistigen Sinn, eine junge Frau von der seltenen Art. Wohl nennt sie der harte Vater eine unnütze Betschwester, die man an den Haaren aus der Kirch ziehen muss. Aber Ana lässt sich nicht beirren. In der kurzen Zeit, in der sie eine Dorfschule besuchen konnte, hatte sie von Lourdes und Fatima gehört. Sie glaubt fest, dass auch ihr die schöne Dame erscheinen würde, wie es der kleinen Bernadette Soubirou geschah. Und dann würde diese wunderschöne Frau ihren Leuten zu einem besseren Leben verhelfen. Heimlich verlässt sie ihre Familie und macht sich auf eine lange, schwere Pilgerschaft: Alle ihr bekannten und erreichbaren Tiroler Wallfahrtsorte will sie besuchen.
Mit kindlichem Glauben erhofft sie sich Hilfe von der Hohen Frau, die einst eine Göttin war, und jetzt schlicht „Unsere liebe Frau“ genannt wird.
Auf dem kalten Boden eines verlassenen Kirchleins hat sie die lang erhoffte Erscheinung, der sie die Rettung von Hirten und Schafen in einem Schneesturm zuschreibt. Ana kennt selbst die verborgensten Heiligtümer des Landes, und ihre Wallfahrt ist ein Kreuzweg eigener Art, voll inbrünstiger Hoffnung und heldischer Entschlossenheit. In einem Kirchengemälde hat sie das Bild einer Schar weißgekleideter Jungfrauen gesehen, die rote Fahnen schwenken. So eine Heldenjungfrau möchte auch sie werden: Ein starkes Mädchen allein gegen die Bosheit der Menschen und selbst gegen die Übermacht der Natur. Ihre Mutter hat es klar erkannt: „Unsere Ana ist eine Heilige.“

Schon am ersten Wallfahrtsort, Maria Kaltenbrunn, hat sie ein mystisches Erlebnis und verliert das Tagesbewusstsein. Die Hirnforschung weiß heute: Traum, Mystik, Genie und Epilepsie liegen eng beieinander. Aber außer gelegentlich freundlichen Dorfpfarrern findet Ana niemand, der ihr Suchen nach innerer Freiheit, ihre Sucht nach dem Heiligen begreift. Ana weiß nichts von der Wahl, vor die Bernadette Soubirou gestellt wurde: das Kloster oder das Irrenhaus.
Ihre wiederholte Vergewaltigung durch gewissenlose Männer nimmt sie als Frauenschicksal geduldig hin. Sie wird als Hexe verschrien und fast erschlagen, aber sie nimmt auch das als Buße für die Sünden des Vaters.

Ana fühlt den Zwiespalt zwischen den letzten Resten der alten Religion, den Sagen von den Saligen, von der strafenden Langtüttin und von den Lehren der Kirche über Maria, die Tochter, Braut und Mutter Gottes ist Aber sie weiß ja nicht, dass die schöne Frau mit dem Jesuskind auf dem Arm das ur-uralte Bild der Göttin ist, das Bild der stillenden Isis mit dem Horusknaben oder irgend eine andere der vielen Erscheinungen der weiblichen Gottheit. Niemand kann sie darüber aufklären und ihr die Wahrheit sagen, die sie befreien könnte.

Nach langem Suchen, Beten und Nachdenken gibt Ana auf. Sie will zurück zu ihrer Familie, zu der Mama, die immer so gut zu ihr war und sie vor dem Tatte in Schutz genommen hat. Sie malt sich ein frohes Wiedersehen aus, aber „es kommt alles ganz anders.“ Der Tatte ist längst gestorben. Weil keiner den Landgeher beerdigen wollte, musste die Mama ihn mit eigenen Händen verscharren. Nun liegt sie selbst im Sterben und das letzte übrige Kind, ein kleines Mädchen, liegt weinend neben ihr. Als alles vorbei ist, drückt Ana der Toten die Augen zu. Eine barmherzige Seele nimmt sich des kleinen Mädchens an. Dann geht Ana zurück zum Hexentanzplatz und wartet auf ihr eigenes Ende.

Später „haben die Bauern aus dem Tal sie gefunden. Erlöst und vertrocknet. Den Rosenkranz um die Finger gewickelt. Auf der Stirn das Mal der Gezeichneten, der Auserwählten. Dort steht ein Galgen zum erlösenden Erhängen. Dort haben sie eine Gedenktafel an den Baum genagelt.“

Hans Haid hat das schwere Leben dieser Menschen hautnah geschildert. Er berichtet über ihr hartnäckiges Ausdauern, den nie aufgegebenen Kampf ums pure Überleben und die treue Wahrung ihres uralten Wissens. Besonders das Schicksal der Frauen, das geduldige Ertragen ihrer alljährlichen Schwangerschaften und die schweigende Ergebenheit in die Schläge der Männer werden ohne Rührseligkeit dargestellt. Zwar wird die Trunksucht der Männer nicht beschönigt, doch erfährt sie durch ihre menschliche Erklärung einen mildernden Grund. Die tausendfache Tragödie der Kinder hat sich bis heute kaum geändert.

Haid schildert diese Schicksale in seiner erdnahen Sprache, die wie Wildwasser über rollende Steine klingt und gelegentlich an alte Zaubersprüche erinnert.

Wie sein Buch „Mythos Gletscher“ beweist, kennt er die Gletscherwelt, die immer noch ein weißer Fleck auf der Karte Europas ist, genau. Er beschreibt ihre Gefahren, ihre Geschichte, ihre Kraftorte und die letzten Reste alter Volksweisheit, die sich daran knüpfen. Und er weiß um die zähe Treue dieser Menschen zu ihren Bergen. Ohne anzuklagen ist die Geschichte eine zornige Antwort auf die kitschige Verscherbelung der Alpenwelt durch die Touristik und ein leidenschaftlicher Aufruf nach Ehrfurcht vor der Schöpfung, nach Verständnis für seine Menschen und nach Achtung im Umgang mit dem Heiligen in der Natur.

Möge seine Botschaft viele Leser finden.

Hans Haid. Die Landgeherin. 192 Seiten, Haymon Verlag, Innsbruck 2011, 19,90 Euro
ISBN 987-3-85218-683-2

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