Rezension „Die Landgeherin“

Helmuth Schönauer, 15/04/11
Tiroler Gegenwartsliteratur 1332

Die Landgeherin

Jedes Land hat an der Oberfläche eine Geschichte voller Kriege, Konflikte, Machtspiele und sozialer Tragödien, im Landesinnern unter der Haut sitzt freilich immer ein Mythos, zeitlos und voller Wahrheit.

Hans Haid hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen unter- und überirdischen Mythos des Gebirges zu erzählen. In seinem archaischen Roman „Die Landgeherin“ schickt er eine Salige, eine Heilige oder eine Heroische über das Land. Sie grast alle wundersamen Stellen ab, an denen sich etwas Spirituelles oder Unerklärbares zugetragen hat. So ist diese Landgeherin auf den ersten Blick eine Wallfahrerin, die von einer Kultstätte zur nächsten pilgert.

Die geheimnisvolle Ana zieht in der ersten Hälfte des Romans mit ihrer herumirrenden Großfamilie über das Land, die Aufenthalte der Laninger, Karner und Landgeher, wie diese Menschen teils abwertend teils bewundernd genannt werden, dauern nie lange. Stets ist die Armut eine verlässliche Begleiterin, der sich die Herumziehenden mit geradezu abenteuerlichem Lebenswillen entgegenstemmen. Früh schon wird Ana Männern zugeführt, sie kennt alle Schattseiten des Lebens von frühester Kindheit an und hat dennoch nur ein Ziel, sie will irgendwo eine Erscheinung Marke Fatima oder Lourdes erleben.

Zu diesem Zwecke bereist Ana in der zweiten Hälfte des Romans alle Kultstätten, an denen es Zeugnisse von Wundern gibt, und das ist im ausgesetzten Land des Gebirges eine Menge. Fast hat es den Anschein, als ob an jedem Pass und an jeder Weg-Gabelung im Laufe der Zeit etwas Transzendentes geschehen sei.

Durch dieses Abgrasen der Kultstätten erfährt der Leser eine Menge über die religiösen Untergrundbefindlichkeiten der Bevölkerung, weit entfernt von der offiziellen Religionsschiene. Ana selbst wird allmählich eine Landgeherin der überirdischen Art. Sie kann nicht nur die vergrabenen Mythen verstehen, sondern auch wie Kassandra warnend die Zukunft deuten.

„Die Herren und Macher aus dem Tal werden dort im kommenden Winter eine Seilbahn bauen und an der Stelle der alten Almhütte ein Hotel, und etwas abseits werden sie gleichsam zur Erinnerung an das fürchterliche und wilde und pervers lustvolle Treiben ein nobles errichten. Die Nummer EINS im Land. Bordell des Landes.“ (170)

Hans Haid erzählt mit wuchtiger Sprache vom Geist des Landes, der sich offensichtlich durch ein paar kapitalistische Entgleisungen der Gegenwart kaum aus der Ruhe bringen lässt. Die Landgeherin erschließt mit flinken Schritten den Untergrund des Landes, wo die wahren Schätze, die Sagen und Mythen sitzen. Die Landgeherin warnt naturgemäß vor dem geradezu kitschigen Treiben der sogenannten Macher, andererseits zeigt sie durch ihre beharrliche Art, dass die wichtigen Dinge ganz anders ablaufen, als sie in den Prospekten stehen. Eine geduldige Auseinandersetzung mit wahren Mythen und schnellen Versprechungen in den Alpen!

Hans Haid: Die Landgeherin
Haymon Verlag, Innsbruck 2011. 189 Seiten. EUR 19,90. ISBN 987-3-85218-683-2

Helmuth Schönauer, 15/04/11

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