Hans Haids Madonna ist eine Salige

In seinem Buch „Die Landgeherin“ erzählt Volkskundler und Autor Hans Haid von Tiroler Vaganten, weisen Frauen und bedrohten Paradiesen.
Tiroler Tageszeitung, 14.03.2011, Edith Schlocker

Archaisch, von Naturgewalten geprägt, ist die Landschaft des hinteren Ötztals, hart war das Leben dort gestern und ist es auf andere Weise auch heute. Der ideale Boden für das Entstehen von Sagen und Mythen, deren es im Ötztal viele gibt. Dass sie nicht vergessen werden, dafür sorgt der Volkskundler Hans Haid mit Leib und Seele. Um gleichzeitig wortgewaltig gegen den Ausverkauf der Heimat zu wettern.

In „Die Landgeherin“ entwirft Haid ein Horrorszenarium, wird aus dem ehemals alpinen Paradies eine Wüste. Sind doch nach dem Tod der Bauern die Spekulanten gekommen, die neue Städte in die Berge bauen, „bis in den Himmel hinauf“. Das träumt Ana, die junge Landgeherin, die auch eine der mythischen „weisen Frauen“ ist, wissend um die Geheimnisse des Heilens mit den Mitteln der Natur. Ein Wissen, das durch Generationen von Mutter zu Tochter weitergegeben worden ist. Was die Landgeherfrauen für die Bauern ebenso unverzichtbar wie unheimlich machte, sie zu Hexen stempelte.

Haid erzählt in seinem neuen Buch auf seine unvergleichlich suggestive Art und Weise die Geschichte einer dieser alpenländischen Vagantenfamilien nach, die bis Ende des 19. Jahrhunderts Scheren schleifend, Kessel flickend und zum Tanz aufspielend durch die Lande zogen. Ihr Leben war hart, der Tod allgegenwärtig – „der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen“. Die Sitten waren rau, die Kinder bekamen mehr Hiebe als Liebe zu spüren, Alkohol und Pros­titution gehörten zum Alltag.

Die junge Ana ist anders. Ihr Interesse gilt den Saligen, jenen geheimnisvollen Frauen, die oben in den Bergen hausen, sich in der unter einem Gletscher liegenden Stadt Dananä verstecken. Reine Ketzerei für die Pfarrer, die geistigen Herren der Dörfler. Für Ana, die sich von ihrer Familie trennt, um sich auf die Suche nach der christlichen Madonna zu machen, ist diese allerdings nichts anderes als eine Salige.

Wie für Hans Haid auch, dessen neues Buch eine leidenschaftliche, sich immer wieder wiederholende Predigt gegen die Gier, Dummheit, Verlogenheit und Korrumpierbarkeit seiner Landsleute ist. Gespickt mit Zitaten aus uralten Heil- und Bannsprüchen, Fraißbriefen und Sagen.

Hans Haid. Die Landgeherin. 192 Seiten, Haymon Verlag, Innsbruck 2011, 19,90 Euro
ISBN 987-3-85218-683-2

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Quelle: Tiroler Tageszeitung vom 14.03.2011 (externer Link)